Friday, August 04, 2017

Alice Sebold - In meinem Himmel

Alice Sebold konstruiert in ihrem 2002 (2005 in Deutschland) veröffentlichten Roman In meinem Himmel eine ungewöhnliche Erzählperspektive: Das Mordopfer eines Vergewaltigers beobachtet die auf ihren Tod folgenden Geschehnisse aus "ihrem Himmel" heraus.
Susie war 1973 zum Zeitpunkt ihres Todes 14 Jahre alt und zurück bleiben ihre Eltern und zwei Geschwister. Ihren Himmel beschreibt sie als ihr persönliches Paradies, sie selbst gestaltet sein Aussehen durch ihre Wünsche und ihre Kenntnis der Welt. Die Schilderungen dieser größtenteils naiven (Teenager-) Himmelswelt sind nicht sehr ausführlich und bilden auch nicht den Schwerpunkt des Romans. Vielmehr begleitet Susie ihre Familie und einige Freunde dabei, wie sie nach ihrem Tod weiterleben und wie ihr Tod das Leben der Menschen beeinflusst. Nebenbei verfolgt sie auch ihren Mörder, einen Nachbarn, den die Polizei trotz Verdächtigungen nicht verhaften kann.
Der gewaltsame Tod eines Kindes wäre für jede Familie schwer zu bewältigen, ohne große Beschönigungen berichtet Susie, was sie sieht, die schönen Erinnerungsmomente, die Fehlschläge in der Bewältigung und verzweifelten Fehler der Familie im Umgang miteinander.
Frustrierend für jemanden mit einem Hang zum Kriminalroman und Thriller ist die erfolglose bzw. nicht stattfindende Ermittlung oder Überführung des Täters, er ist nur einer der Menschen, die von Suzies Tod beeinflusst werden, Gerechtigkeit gibt es an dieser Stelle nicht, zumindest nicht im Sinne des Gesetzes. Problematisch für den Plot sind die langgezogene Beschreibungen der Verarbeitung durch die Familienmitglieder, die - verständlicherweise - keinen echten oder natürlich gegebenen Endpunkt erhalten. Die Zeitspanne zwischen den Ereignissen wird am Ende von der Autorin einfach größer gefasst, die Trauer erfährt eine Veränderung durch das Verstreichen von Zeit, das Buch endet.
Einzig eine bizarr anmutende Szene, in der Susie den Körper einer Freundin in Besitz nimmt, um ein letztes Mal wie ein Mensch zu fühlen und Verpasstes zu erleben, bildet eine Art Höhepunkt der Handlung. Was dies für die zurückbleibende Freundin des (missbrauchten) Körpers bedeutet, wird ausgelassen...
Die Pluspunkte des Romans - die interessante Erzählperspektive und die Beleuchtung der Trauernden und ihre Wege der Bewältigung - reichen für mich subjektiv nicht aus, um die Schwächen des Plots und die mangelnde Tiefe der Charaktere (inklusive der Erzählerin Susie) auszugleichen - keine sonderlich befriedigende Lektüre.

Alice Sebold, In meinem Himmel. Goldmann, München 2005.

Friday, July 28, 2017

Arnaldur Indriðason - Nordermoor

Mit Nordermoor, eigentlich dem dritten Erlendurroman, hat es







Alfred Andersch - Sansibar oder der letzte Grund

In Rerik, einer kleinen Stadt an der Ostsee, treffen im Herbst 1937 sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander:
Knudsen, ein Fischer und Besitzer eines eigenen Kutter, sein Fischerjunge, der namenlos bleibt, Gregor, ein Funktionär der kommunistischen Partei, die Jüdin Judith und der Pfarrer Helander. 
Eine nicht unwesentlich Rolle spielt auch eine Holzplastik, die der "Lesende Klosterschüler" genannt wird und die man sich als Plastik Der Buchleser (1936) von Ernst Barlach vorstellen muss.

Diese Menschen verbindet der Gedanke an Flucht: Aus unterschiedlichen, größtenteils sehr offensichtlichen Gründen wollen sie Deutschland verlassen. Denn der Roman spiel zur Zeit des Nationalsozialismus, die "Anderen", wie sie Andersch nennt, sind an der Macht und bedrohen alle genannten Charaktere. 
Der "Lesende Klosterschüler" gilt als entartete Kunst und darf nicht länger in Pfarrer Helanders Kirche stehen. Die Plastik steht symbolisch für Bildung, das Nachdenken, den Widerstand im Innern, und Helander begibt sich selbst in Gefahr, wenn er sie rettet, d.h. aus Rerik hinausschmuggelt. Am nächsten Tag soll sie abgeholt werden - damit entscheidet sich auch Helanders Schicksal an diesem Tag. Judiths Mutter hat gerade Selbstmord begangen, um die Tochter zur Flucht vor den Nazis zu zwingen. Hilflos und planlos versucht sie ihr Glück in der Hafenstadt Rerik. Gregor bemerkt sie am Hafen und erkennt sofort, dass sie - so wie er im Grunde auch - fliehen möchte. Doch sein Auftrag lautet, Knudsen, das letzte Mitglied der KPD in Rerik zu reaktivieren, was dieser aber schlichtweg ablehnt. Dieser wähnt sich hilflos und machtlos gegenüber den anderen und empfindet das Ansinnen der Partei, aktiver zu sein, als unsinnig. Der Junge ist als lebendige Version des "Lesenden Klosterschülers" zu sehen: In seinem Versteck liest er Huckleberry Finn und andere Romane und träumt sich fort aus Rerik, dessen Spießig- und Ereignislosigkeit ihn ersticken. Die Bücher vermitteln ihm Fernweh und eine innere Triebkraft, mehr zu wollen, weg zu wollen. Beständig denkt er daran, sammelt im Kopf Gründe für seine Flucht. Ein Ort seiner Träume, neben dem Missisippi, ist Sansibar. 
Die ablehnende Haltung Knudsens bekommt durch das intensive Bestreben Gregors nach einer Lösung für die Flucht erste Risse, er willigt schließlich ein, die Plastik noch in der Nacht nach Schweden zu schmuggeln. Sie treffen entsprechende Vereinbarungen, dabei muss der Junge aushelfen. Gregor hat aber den Ehrgeiz, auch Judith zu retten, obwohl er sie überhaupt nicht kennt... Der Junge wiederum kann sein Glück kaum fassen, als sich ihm in der Fahrt nach Schweden die Chance bietet, seine Träume wahr werden zu lassen.
 
Vieles an diesem kurzen Roman ist bemerkenswert. Die Charaktere sind meisterhaft, mit wenigen Strichen angelegt, sie haben Tiefe als Individuen und stehen doch symbolhaft für verschiedene Gruppen von Menschen, die unter dem Nationalsozialismus zu leiden hatten. Sie sind intensiv miteinander verwoben, auch auf der erzählerischen Ebene, da die Perspektive innerhalb von einzelnen Kapitel mehrfach von einem zum anderen springt. Man sehnt sich nach einer einfachen, harmonischen Lösung für die Probleme all dieser Menschen, aber den Gefallen tut Andersch dem Leser nicht. Es ist nicht einfach, die Flucht kann nicht immer und für alle die beste Lösung sein. Interessant ist, dass der "Feind" keinerlei konkrete Gestalt annimmt. Die "Anderen" bleiben unausgesprochen, ungesehen, sind als zwar stete Bedrohung fühlbar, Andersch gibt ihnen aber keinen erzählerischen Raum. Vielmehr ist Thema, wie man angesichts der Gefahr, der man als Andersdenkender oder als anständiger Mensch ausgesetzt ist, handeln kann oder handelt muss. 
Sansibar oder der letzte Grund erschien erstmals 1957 und konfrontierte deutsche Leser mit ihrem eigenen Verhalten in der Gesellschaft des Nationalsozialismus: Wie hätten diese den Charakteren des Romans gegenüber gehandelt? Welches wäre ihre Rolle gewesen?
Auch heute noch funktioniert Anderschs Plädoyer für eigenständiges Denken und Handeln, für Verantwortung und Gewissen, ohne dass er dabei moralisch oder urteilend werden muss.
 
 Alfred Andersch, Sansibar oder der letzte Grund. Diogenes, Zürich 2012.
 

Wednesday, July 26, 2017

After the rain

photo by InBetween
Glad to see a stretch of blue sky after days of rain...

Arnaldur Indriðason

Arnaldur Indriðason, geboren 1961, lebt und arbeitet in Reykjavík, Island.

Erlendur Serie
Die Jahreszahl in Klammern entspricht der isländischen Erstveröffentlichung, in Deutschland erschien zunächst eine Übersetzung von Nordermoor, danach dessen Erfolg folgten weitere Romane. Zuletzt kamen zwei Erlendur-Bücher dazu, die zeitlich vor dem ersten Fall liegen, und auch in Duell hat Erlendur einen kurzen, nicht weiter nennenswerten Auftritt.

#0.1 Nacht über Reykjavík (2012)
#0.2 Tage der Schuld (2014)
#1 Menschensöhne (1997)
#2 Todesrosen (1998)
#3 Nordermoor (2000)
#4 Todeshauch (2001)
#5 Engelsstimme (2002)
#6 Kältezone (2004)
#7 Frostnacht (2005)
#8 Kälteschlaf (2007)
#9 Frevelopfer (2008)
#10 Abgründe (2009)
#11 Eiseskälte (2009)


non-Erlendur-Romane

Gletschergrab (1999)
Tödliche Intrige (2003)
Codex Regius (2006)
Duell (2011)
Schattenwege (2013)

Monday, July 24, 2017

Arnaldur Indriðason - Todesrosen

Das nackte, tote Mädchen wird auf den Rosen gefunden, die zur Feier am Grab des isländischen Freiheitskämpfers Jón Sigurðsson niedergelegt wurden. Schon bald weiß man, dass die Tote heroinabhängig war, auch wenn Erlendur und seine Kollegen noch nicht wissen, wer sie war, konzentrieren sie ihre Ermittlungen zunächst auf die Drogenszene Reykjavíks. Erlendur bittet seine Tochter, die auch drogenabhängig ist, um Hilfe - was ihm einmal mehr seine eigene Hilflosigkeit vor Augen führt, was ihr Schicksal angeht. 
Drogen, Prostitution, reiche Männer, die die Frauen ausnutzen und missbrauchen, das sind die offensichtlichen Themen von Indriðasons zweitem Islandkrimi von 1998. Noch intensiver als in Menschensöhne sind es aber auch typische isländische Probleme, die den Roman prägen. Die Thematisierung der Landflucht aus den westlichen Küstenregionen der Insel in die Hauptstadt und damit zusammenhängend der Bauboom erscheinen vor den politischen und wirtschaftlichen Ereignissen 2008 (Finanzkrise) in einem anderen Licht: Einige wenige Menschen reißen immer mehr Macht und Geld an sich und nutzen ihre Position skrupellos zum eigenen Vorteil aus... eine Entwicklung, welche sich begünstigend auf die katastrophalen Ereignisse auswirkte.
Die Protagonisten Erlendur und sein Kollege Sigurður Óli werden in diesem zweiten Band charakterlich ausgebaut. Die Lesung von Frank Glaubrecht ist wie gewohnt von hoher Qualität.

Arnaldur Indriðason, Todesrosen. Lübbe Audio 2011.

Sunday, July 23, 2017

Jeffery Deaver - Opferlämmer

Lincoln Rhyme ist immer noch beschäftigt mit dem Uhrmacher aus Fall Nummer sieben, der ihm entkommen ist. Zu Beginn des Falls vermutet man ihn in Mexico und Rhyme hält Kontakt mit einem dortigen Ermittler. Derweil beginnen in New York Anschläge, bei denen der Täter Elektrizität verwendet, um Menschen zu terrorisieren und zu töten. Klassisch ermitteln Rhyme und Sachs per Spurensuche, Analsye und mit der Hilfe von Experten. Wie immer sind auch die Ermittlungen in Opferlämmer ein Wettlauf mit der Zeit, denn der Täter stellt erpresserische Forderungen und droht mit weiteren Anschlägen. Auch in diesem Fall lässt Deaver den Täter am Schluss die Ermittler ins Visier nehmen und wäre Rhyme nicht wie immer schlauer, hätten nicht gleich zwei Fälle ein Ende gefunden. 
Die Elemente von Deavers Serie sind wohlbekannt und Spannungsaufbau und Ermittlung entsprechen dem Muster, große Überraschungen bringen aber selbst die überraschenden Wendungen nicht, da man als Leser bereits eben diese erwartet. Es sind durchaus Thriller auf hohem Niveau, aber die Ähnlichkeiten im Aufbau sind gravierend und schmälern die Lesefreude.

Jeffery Deaver, Opferlämmer. RandomHouseAudio 2011.

Zur Reihenübersicht Lincoln Rhyme und Amelia Sachs



Friday, July 21, 2017

George R.R. Martin - Das Lied des Eisdrachen

Das Lied des Eisdrachen von George R.R. Martin ist die kurze Geschichte des Mädchens Adara. Sie ist ein Winterkind, im Winter geboren, am liebsten mag sie die kalte Jahreszeit, denn da besucht sie der Eisdrache. Die beiden verstehen sich ohne Worte, sie darf auf ihm reiten, während ihre Familie und die anderen Dorfbewohner sich fürchten. Die Kälte, die sie in sich trägt, wird von den Menschen um sie herum auch als emotionale Kälte empfunden und sie ist seltsam distanziert von allen. Doch als feindliche Drachen ihr Dorf und ihre Familie bedrohen, entscheidet sie sich doch für das Leben mit ihrer Familie - auch wenn dies bedeutet, ihren Eisdrachen zu verlieren.
Aufgrund der Kürze der Geschichte können Geschichte und Charaktere nicht allz ausführlich dargestellt werden - dabei wäre gerade der Drache und seine Geschichte etwas, von dem man mehr erfahren möchte. Allerdings tragen die Illustrationen, wie ich sie in der Taschenbuchausgabe gesehen habe, die aber leider in der e-book-Ausgabe weniger vorhanden sind, sicher dazu bei, dass Das Lied des Eisdrachen dennoch eine lohnenswerte Lektüre ist.

George R.R. Martin, Das Lied des Eisdrachen. cbj, München 2016.

Thursday, July 20, 2017

Arnaldur Indriðason - Menschensöhne

Nach Nacht über Reykjavík hatte ich plötzlich Sehnsucht nach Erlendur und hörte mir den ersten Fall Menschensöhne noch einmal an. 
Gleich zwei Todesfälle beschäftigen die isländische Polizei in Reykjavík: Ein pensionierter Lehrer stirbt in den Flammen seines Hauses - offensichtlich wurde er vorher gefesselt und dann angezündet. Außerdem stürzt sich der Nervenklinik ein Patient namens Daníel in den Tod, während sein Bruder Pálmi daneben steht. Daníel war Schüler des verbrannten Lehrers und dieser hatte ihn kurz vorher besucht. Erlendur beginnt zu ermitteln, doch auch Pálmi stellt Nachforschungen an.
Was geschah vor über 25 Jahren in der Klasse von Daníel? Fast alle seiner Klassenkameraden fanden einen frühen, zum Teil gewaltsamen Tod. Nach und nach wird klar, dass damals skrupellos mit den Kinder experimentiert wurde. Die Geschehnisse haben Auswirkungen bis in die Jetztzeit, nicht nur weil die Dinge von damals vertuscht und letzte Zeugen ausgeschaltet werden sollen, sondern weil die Opfer von damals immer noch benutzt werden...
Inspiriert von noch aktuellen Meldung eines geklonten Schafs namens Dolly (*1996) konstruierte Indriðason eine Geschichte von skrupellosen Pharmaunternehmern, die ihre Ideen mit Macht und Geld umsetzen, ohne nach Moral oder Gesetz zu fragen. Selbst wenn sie direkt durch ihre Opfer konfrontiert werden, empfinden sie keine Schuld und bleiben wahnhaft begeistert von ihrer Idee. Viele der anderen Figuren in Menschensöhne sind Randfiguren der isländischen Gesellschaft, haben schwierige Familien- und Lebensgeschichten. Erlendur als Ermittler bleibt noch vage, aber es wird klar, dass auch er eine Vergangenheit in sich trägt, die ihn belastet.

Arnaldur Indriðason, Menschensöhne. Lübbe Audio 2005.

Wednesday, July 19, 2017

Arnaldur Indriðason - Nacht über Reykjavík

Erlendur, Kommissar von Indriðasons erfolgreicher Krimiserie, ist noch jung und Streifenpolizist in Reykjavík. Er mag seine Uniform und einige seiner Tätigkeiten (Verkehrsunfälle klären, Betrunkene von der Straße fischen oder hinter unfähigen Dieben herrennen) nicht besonders. Doch da ist eine Sache, die ihn beschäftigt: Warum ist der Obdachlose Hannibal ertrunken? Erlendur selbst kannte den Toten, war ihm zuvor mehrfach begegnet, als er ihn ertrunken in einem kleinen Tümpel auffindet, erscheint ihm dies seltsam. Doch die Sache wird als Unfall eines Betrunkenen abgetan und niemand ermittelt. Doch Erlendur fragt weiter, spricht mit anderen Obdachlosen, er macht die Schwester des Toten ausfindig - er ermittelt, ohne einen Auftrag zu haben. Als sich schließlich noch Verbindungen mit dem Vermisstenfall einer jungen Frau auftun, die am selben Tag verschwand, ist sich Erlundur sicher, dass Hannibals Tod kein Unfall war...
Nacht über Reykjavík enthält die solide Ermittlung zweier Mordfälle, gut skizzierte Charaktere, besonders aus dem Randmilieu der Gesellschaft, einen Protagonisten, dem man anmerkt, dass er nicht wie seine Kollegen ist und in dem man schon den späteren Kommissar Erlendur erkennen kann. Der Roman bietet neue Einblicke in den Werdegang und die Charaktergrundlage der Figur, zeigt aber auch schon deutlich dessen Stärken, seine Empathie und seinen Beharrlichkeit.
Nicht immer gelingen den Autoren Prequels zu guten Serien - Arnaldur Indriðason schon.

Arnaldur Indriðason, Nacht über Reykjavík. Lübbe Audio 2014.

Tuesday, July 18, 2017

Ian McEwan - Nussschale

Cover: Gemälde von Ruth Shively,
›In the Bedroom‹, 
2012
Ian McEwan wählt für seinen Roman Nussschale eine außergewöhnliche Erzählperspektive - die des ungeborenen Kindes im Mutterleib. Gemeinhin würde man diesem Erzähler nicht viel zutrauen, seine Sichtweise muss zwangsläufig - so denkt man - begrenzt sein. Doch dieser Fötus ist allwissend, er verfügt über politische, gesellschaftliche, wissenschaftliche und literarische Kenntnisse aller Art, die er auf höchst ansprechende Art, rhetorisch geschickt kundtut. Er beleuchtet die Geschehnisse um ihn herum, kommentiert, moralisiert, zweifelt - um dann zwischendurch an den passenden Stellen wegzudösen, wo es dem Spannungsbogen und der Konstruktion des Plots guttut.
Die Grundgeschichte ist dabei schnell erzählt und schlicht aus Shakespeares Hamlet entlehnt: Die Mutter der Erzählers ist ihres lyriksabbernden Mannes überdrüssig und beschließt zusammen mit ihrem Liebhaber, der gleichzeitig der Bruder ihres Mannes ist, diesen umzubringen. Das Königreich, was es in Hamlet zu beerben gilt, ist hier die große Villa in Londons bester Lage, die trotz ihres abgewrackten Zustandes Millionen wert ist.
Durch geschickte Wendungen im Plot baut McEwan Spannung auf, dieser Hamlet funktioniert auch als Thriller. Werden die Mörder davonkommen? Zugleich weiß man ebensowenig wie der Erzähler, was man den ruchlosen Tätern wünschen soll - was bedeuten Verhaftung oder Freiheit für das Ungeborene? Er schwankt zwischen Hass und Liebe zu seiner Mutter, ist sich seiner Abhängigkeit schmerzhaft bewusst - ein Happy End ist nicht möglich, es sei denn, man betrachtet seine Befreiung aus dem Gefängnis und seine Möglichkeit ins Leben zu treten schon als Gewinn. Nicht geboren zu werden ist schließlich keine Option.
O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.
   Shakespeare, Hamlet [vorangestelltes Motto des Romans]
Es ist ein äußerst schlauer und eleganter Roman mit vielen Facetten, feinem Humor und sprachlicher Finesse - Hut ab, Ian McEwan!


Ian McEwan, Nussschale. Diogenes, Zürich 2016.