Sunday, November 27, 2016

Max Bentow - Die Totentänzerin

Nils Trojan ermittelt in Die Totentänzerin in seinem dritten Fall. Der Titel ist irreführend, denn mit einem Tanz hat die neue Berliner Mordserie wenig gemein, das Cover passt noch viel weniger.
Es scheint die Tat von einem tief verstörten Menschen zu sein, betrachtet man die Art und Weise wie die Opfer - allesamt Liebespaare - an den Tatorten drapiert werden. Einige Indizien scheinen ausgerechnet auf Theresa Landsberg zu weisen, die Frau von Nils Trojans Chef, die psychisch nicht sehr stabil ist. Doch Trojan bemüht sich um solide Ermittlungsarbeit, verfolgt alle Spuren, während sein Chef den Fall niederlegen muss und Theresa vermisst wird.
Die Geschichte wird wie gewohnt aus mehreren Perspektiven erzählt, auch aus der von Nebenfiguren, aus  Opfer- und Tätersicht. Das ist teils irritierend, nicht jeder dieser Wechsel wäre nötig gewesen, um die Geschichte zu erzählen. Die Anhäufung der Verdachtsmomente gegen Theresa zusammen mit der Darstellung ihrer verzerrten Wahrnehmung und der zunehmenden Verstörtheit ist so über deutlich, dass klar ist, das es noch zu einer "überraschenden" Wendung kommen muss, die wiederum aber so überraschend auch nicht ist. Nicht gebraucht hätte ich außerdem die anhaltenden Probleme in Nils Trojans Privatleben, sowohl in Bezug auf Tochter als auch auf die Geliebte. Diese hätten auch einfach mal im Hintergrund bleiben können und der Fokus auf dem Fall liegen sollen. Einige der Konstruktionen um den Täter, die Idee mit der Überwachung, das Aufbrechen der Privatsphäre, waren gut und hätten noch stärker ausgebaut werden sollen.
Die Lesung von Axel Milberg ist wie gewohnt sehr gut, wenn auch insgesamt in Die Totentänzerin sicher nicht das Highlight der Serie ist.

Max Bentow, Die Totentänzerin. Hörverlag 2013.


Die Bücher der Serie um Nils Trojan:
#1 Der Federmann
#2 Die Puppenmacherin
#3 Die Totentänzerin
#4 Das Hexenmädchen
#5 Das Dornenkind
#6 Der Traummacher

Frederick Morgan - Yuletide

Frederick Morgan (English painter, 1847-1927): Yuletide

The right card for the first advent - postcrossing card by Anastasiya in Siberia, Russia.

Thursday, November 24, 2016

Erica Fischer - Aimée und Jaguar

Erica Fischer (*1943) ist Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin und eine Mitbegründerin des österreichischen Feminismus. Bekannt wurde sie durch ihr Buch Aimée und Jaguar, das erstmals 1994 erschien.
Untertitelt ist das Buch mit "Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943" - es ist eine dokumentarische Erzählung der Beziehung von Lilly Wust und Felice Schragenheim während der Zeit des Nationalsozialismus und gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Lilly hat einen nationalsozialistisch eingestellten Ehemann und vier Kinder, Felice ist eine untergetauchte Jüdin. Nach einer kurzen, intensiven Zeit des Zusammenseins wird Felice 1944 verhaftet und kommt im Konzentrationslager Bergen-Belsen kurz vor Kriegsende um.

Mit großem Aufwand hat Erica Fischer nicht nur die Überlebende Lilly Wust interviewt, als diese bereits 80 Jahre alt war, sondern auch zahlreiche Zeitzeugen befragt, Dokumente und Fotos zusammengetragen. Darin liegt auch der große Unterschied zu zahlreichen Romanen, die Thematik und historischen Hintergrund gemein haben. Es ist eine wahre Geschichte, das ist das eine, aber gleichzeitig bemüht Fischer sich sehr um eine facettenreiche Darstellung, die eben nicht nur eine rosarote Liebesgeschichte zeigt, wie Lilly Wust sie in Erinnerung haben wollte. Kritisch wird Lillys Beziehung zum Nationalsozialismus gezeigt, ihre Reaktionen nach Kriegsende - die Ablehnung von allem Deutschen und eine fast seltsam anmutenden Hinwendung zum Judentum - bleiben nicht unerwähnt, obwohl dies möglich gewesen wäre. Die Tatsache, dass man sich nie ganz Klarheit über den Lillys Charakter verschaffen kann, spiegelt die Komplexität der Situation, in der sich die Frauen historisch und gesellschaftlich befunden haben. Der umfangreiche Anhang mit Fotos, Briefen und Dokumenten belegt das Streben nach Genauigkeit und Authenzität.  

Zusammen ergibt dies ein beeindruckendes Buch und Zeitzeugnis mit einer anrührenden Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Frauen.
 
Das Buch wurde in 20 Sprachen übersetzt. Max Färberböck verfilmte die Liebesgeschichte 1998 unter demselben Titel.

 Erica Fischer, Aimée und Jaguar. KiWi, Köln 1996.

Friday, November 18, 2016

Jonathan Franzen - Freiheit


Freiheit war eines der Bücher, die durch Länge und Gewicht des dicken Hardcovers und auch durch den Klappentext eher Langatmigkeit verprachen. Von Jonathan Franzen hatte ich zuvor nichts gelesen, anscheinend hatte er mit dem Vorgängerroman Die Korrekturen (2001) seinen Durchbruch, brauchte danach aber lange Jahre, um Freiheit zu verfassen.
Im Mittelpunkt des Romans steht die schwierige Ehe von Walter und Patty Berglund und spielt in einem Zeitraum von Mitte der 80er Jahre bis 2009. Neben den schwierigen Beziehungen, die die beiden miteinander, mit ihren Kindern, Nachbarn und Freunden haben, werden auch Politik, Globalisierung, Umweltverschmutzung oder der Irakkrieg thematisiert.
Mehr zum Inhalt und zum Aufbau bei wikipedia

Zur Identifikation ist keiner der Charaktere geeignet, denn passend zum Titel sucht jeder stets egozentrisch nach der eigenen Freiheit, verfolgt eigene Bedürfnisse, und oftmals werden Familie und Freunde eher als Gegner denn als Partner wahrgenommen. Mit dem lapidaren Satz "Es wurden Fehler gemacht" wird dies attestiert, aber nicht gewertet. Man verbringt viel Zeit mit Walter, Patty und ihrem unsäglichen Musikerfreund Katz, sieht ihrem Leiden und ihren falschen Entscheidungen zu und wird ein bisschen trübsinnig in der schlechten Welt, in der sie leben. Mag sein, dass hier ein facettenreiches Bild der (weißen Mittelklasse) US-amerikanischen Gesellschaft gezeichnet wird, aber es verschließt sich der weitere Zusammenhang oder der Sinn. Das seltsame Ende wirkt eher wie ein verzweifelter und mäßig gelungener Versuch, dieses lange Werk *irgendwie* zuende zu bringen. Das ist - gelinde gesagt - unbefriedigend. Die Umweltthemen vermochten mich auch nicht recht zu packen, Walters Enthusiasmus ist zu oft fehlgeleitet, um zu überzeugen.
So bleibt am Ende nur eine über 700 Seiten starke Charakterstudie, die Zeugnis davon ablegt, dass in der heutigen Gesellschaft von Egomanen Zusammenleben in einer stabilen Beziehung schwer geworden zu sein scheint.

Jonathan Franzen, Freiheit. Rowohlt, Reinbek 2010.  

Thursday, November 10, 2016

Castle Hill Lighthouse

Castle Hill Lighthouse, Rhode Island, USA, postcrossing card sent by Andrea, Austria
This beautiful card is actually a double, as you can see here.

Wednesday, November 09, 2016

Friday, November 04, 2016

International Postcrossing Meeting

 
Thank you very much, dear postcrossing friends, for two great cards from the big international postcrossing meeting - and of course thanks to everyone who signed the cards!

Haruki Murakami - Kafka am Strand

Kafka am Strand von Haruki Murakami wurde erstmals 2002 veröffentlicht.
Es war ein anstrengendes, verwirrendes, vielschichtiges, faszinierendes, abgehobenes und sozusagen kafkaeskes Buch für mich, das ich über einen langen Zeitraum gelesen habe und bereits am 19.10. beendet habe. Diese "Rezension" ist der Versuch, meinen Gedanken dazu eine Struktur zu geben...

Kafka am Strand wird erzählt aus den Perspektiven zweier Personen, Kafka und Nakata.

Kafka ist 15, haut zuhause ab, als er das schlechte Verhältnis zum Vater nicht mehr ertragen kann. Seine Mutter und Schwester sind vor langer Zeit geflohen, sein Vater hat ihn außerdem mit einem oedipalen Fluch belegt. Tatsächlich wacht er einmal mit Blut an den Händen auf, hat aber in der Realität kein Verbrechen begangen. Er hat ein Alter Ego namens Krähe, mit dem er manchmal spricht und der ihm Facetten seiner Psyche zu erklären versucht. Zufälle (oder auch nicht) bringen ihn dazu, in der Komura-Gedächtnisbibliothek Zuflucht zu suchen, einige Zeit verbringt er auch im Wald in einer einsamen Hütte.

Nakata ist ein alter Mann, der Analphabet und schlecht im Denken ist. Er hält sich selbst für dumm und hat große Schwierigkeiten, mit dem Verständnis von alltäglichen Dingen. Er handelt nach einem verborgenen Prinzip, wird scheinbar gesteuert, bestimmte Dinge zu tun, und folgt Kafka. Er kann mit Katzen sprechen. Insgesamt ist er freundlich, höflich und harmlos, bis auf die Szene in der er gewungenermaßen eine Gestalt umbringt, die sich als Johnny Walker zeigt, sich in der Realität aber als Kafkas Vater erweist. Um in der Welt zurechtzukommen, findet er Hilfe bei einem jungen Mann namens Hoshino.

Hoshino organisiert für Nakata alle weltlichen Dinge und ermöglicht ihm dadurch, seine Ziele zu erreichen. Einen ähnlichen Helfer hat auch Kafka in der Person des Bibliothekars Oshima, einer Art Zwitterwesen und moralische Bezugsperson für Kafka.
Zentral für das Geschehen ist außerdem die Verwalterin/Inhaberin der Bibliothek Saekisan. Sie ist eine tragische Figur, eventuell ist sie Kafkas verschwundene Mutter, wenngleich der Beweis dafür ausbleibt. Kafka verliebt sich traumhaft und real in sie in verschiedenen Gestalten - als 15jähriges Mädchen und als ältere Frau.

Die wichtigsten Orte des Romans sind folgende:
In der Komura-Gedächtnisbibliothek findet Kafka Schutz und Hilfe, er findet einen neuen Beziehungsrahmen nach seinem lieblosen Vaterhaus. Es ist zugleich der einzige Ort, den auch Nakata und Hoshino aufsuchen, wenn auch Kafka in diesem Moment nicht dort ist. Hier laufen die Fäden zusammen; die Bibliothek dient als Symbol.
Die Hütte im Wald ist von elementarer Bedeutung für Kafkas Sinnsuche. Sie gehört Oshima und dessen Bruder, ist einsamer Rückzugsort und ermöglicht eine Besinnung auf das Ich fernab von der realen Welt. Dort ist der tranceartige Übergang in eine andere Zwischenwelt möglich, zu der Nakata symbolisch mit einem Stein andernorts den Eingang öffnet.

Kafka am Strand ist übervoll mit literarischen und mysthischen Bezügen. Musik und Philosophie sind Themen, es gibt märchenhafte Passagen, psychologische Ebenen (z.B. das Alter Ego Krähe als psychoanalytisches Element) und eine reiche Symbolik.
Dadurch ergeben sich so weitschweifende Bedeutungsebenen, so dass man sich schnell wie in einem Labyrinth vorkommt und glaubt, sich nicht mehr zurechtfinden zu können. Obwohl die beiden Hauptebenen von Kafka und Nakata sich durchaus ergänzen und miteinander in Beziehung stehen, findet die vom Leser antizipierte Zusammenführung nicht statt. Auch das Ende bietet keinen richtig befriedigenden Abschluss, auch wenn es Hoffnung vermittelt, es könne sich alles zum Guten wenden.
Gekonnt umgesetzt ist das stete Verschwimmen von Traum, Fantasie und Wirklickeit - an irgendeinem Punkt gibt man auf, dies auseinanderhalten zu wollen und gibt sich vielmehr dem Sog des Erzählten hin - das ist zwar wunderbar als literarisches Erlebnis, trotzdem bleibt dabei zwangsläufig das Gefühl zurück, nicht alles mitbekommen zu haben, nicht einmal einen Teil der Bedeutungen zu erfassen, weswegen der Roman keine einfache Lektüre ist.
Ich hätte dem Buch gern mehr Weisheit entrissen, aber phasenweise war es zu konfus, zu schwierig - man hätte Passagen mehrmals lesen müssen, um alles zu durchdringen - aber dann werden Dinge wiederum nur angerissen auf ein oder zwei Seiten, bekommen aber insgesamt zu wenig Raum, um wirklich Bedeutung zu erlangen. Daher war es oft einfacher, sich im Gebilde der interessanten Sätze weitertreiben zu lassen.
Fazit: Sicher ein Roman zur mehrfachen Lektüre, aber auch ein kräftezehrendes Werk.

Haruki Murakami, Kafka am Strand. Dumont, Köln 2011.

Zenartchallenge November Day 4