Friday, May 19, 2017

Jussi Adler-Olsen - Selfies

Just a few thoughts:
I think Selfies is a bit weaker than the other volumes of the Carl Moerk series. I still liked the characters and the Copenhagen setting a lot...
The story focuses on Rose's past and present, the rest of the plot is a bit far-fetched.
The cover is quite interesting and a good symbol for the thin thread that keeps people from going insane and/or losing themselves completely.


Jussi Adler-Olsen, Selfies. dtv, München 2017.

Friday, April 28, 2017

Hummingen sunset

Martin Walker - Bruno Chef de police


Natürlich kannte Bruno Courrèges - Polizist, Gourmet und Sporttrainer (Rugby und Tennis) - das Mordopfer: Hamid al-Bakr lebte seit einiger Zeit in Saint-Denis (fiktive Version des realen Ortes Le Bugue) bei seiner Familie. Ursprünglich aus Algerien eingewandert, kämpfte Hamid in mehreren Kriegen und bekam dafür das Croix de Guerre. Das jedoch hat der Mörder Hamids zusammen mit einem alten Foto, auf dem Hamid mit seiner Fußballmannschaft 1940 zu sehen ist, gestohlen. Der Mord selbst ist brutal und ein Hakenkreuz, das in Hamids Brust geschnitten wurde, deutet auf einen rassistischen Hintergrund hin. 
 
Einen Mord darf Bruno als "Dorfpolizist" nicht allein bearbeiten, also kommen Ermittler der nationalen Polizeibehörden in den kleinen Ort, aber Brunos Ortskenntnisse und persönlichen Verbindungen sind unerlässlich für die Aufklärung. Denn er hat so eine Ahnung, dass die Motive für den Mord in Hamids ferner Vergangenheit liegen... 

Im Grunde ist die Krimihandlung in Bruno Chef de police nicht das zentrale Thema. Es geht in diesem ersten Band von Martin Walkers Serie vielmehr um Bruno und seine kleine Stadt. Detailreich werden die Bewohner, allesamt Brunos Freunde, die Umgebung und das Essen geschildert. Man sieht Saint-Denis durch die liebevollen Augen Brunos und lernt dadurch nach und nach auch ihn immer besser kennen. Seine vorsichtige Annäherung an die Frauen, die ihn interessieren, seine geschickte und intelligente Art, die Entscheidungsträger zu beeinflussen und zu lenken und dabei stets das Beste für seine Mitbürger im Sinn zu haben, macht ihn zu einem echten Sympathieträger. Fast ist er ein bisschen zu gut, so moralisch integer und bescheiden, wie er ist. Generell ist Bruno keiner für die, die einen harten, spannenden Thriller suchen, sondern eher einer fürs Beschauliche, fürs Genießen, fürs langsame Einatmen der Atmosphäre und eine sehr menschliche Aufklärung des Verbrechens.

Martin Walker, Bruno Chef de police. Diogenes, Zürich 2016.

Thursday, April 20, 2017

Nicholas Shakespeare - Broken Hill

Nicholas Shakespeare (*1957) ist ein hochgelobter britischer Schriftsteller. Broken Hill (im Original Oddfellows, 2015) erzählt die historischen Ereignisse des kleinen, abgelegenen Ortes Broken Hill in Australien. Der Erzbergbau dort ist mit dem Ausbruch des Krieges 1914 ins Stocken geraten, viele junge Männer sind arbeitslos. Am Neujahrstag 1915 überfallen zwei muslimische-türkische Männer einen Ausflugszug, in dem die weißen Bewohner von Broken Hill sitzen.
Der kurze Roman hat zwei große Themen.
Das eine ist die Diskriminierung der muslimischen Einwohner der Stadt, die ghettoartig außerhalb wohnen müssen, in der Ausübung ihrer Religion behindert werden und beschimpft werden. Diese Nichtakzeptanz und Respektlosigkeit führt dazu, dass zwei Männer in Wut und Verzweiflung beschließen, dem Aufruf des türkischen Sultans zu folgen und den heiligen Kampf aufzunehmen.
Dem gegenüber steht das etwas leisere Thema der Perspektivlosigkeit und Unterdrückung der Frauen in dieser Zeit, das am Beispiel von Rosalind aufgezeigt wird. Sie ist weiß, jung und ledig und erwartet den Heiratsantrag eines jungen Mannes, Oliver, für den sie aber nichts empfindet bzw. von dem sie weiß, dass er sie unterdrücken, sie nie nach ihrer Meinung fragen wird. Sie dagegen hat Träume fortzukommen, andere Dinge zu sehen als das trostlose Leben in Broken Hill, sie findet die andersartigen Kameltreiber interessant, denn sie haben Teile der Welt gesehen. Ihr Kontakt zu diesen Menschen erweitert ihren Horizont, besonders Gül, der als Eisverkäufer arbeitet, zieht sie an. Natürlich ist diese Beziehung für sie gesellschaftlich nicht tragbar und sie muss sie verstecken. Dennoch zeigt ihr der zaghafte Kontakt, dass es andere Möglichkeiten gibt.
Die Tragik der Geschichte gipfelt darin, dass Rosalind durch eine von Güls Kugeln stirbt, kurz nachdem sie sich entschieden hat, Oliver nicht zu heiraten.
Broken Hill ist ein interessanter historischer Nebenschauplatz und enthält provokante Themen, die an diesem weltpolitisch kleinen und bizarren Ereignis aufgehängt werden. Ein durchaus relevantes Buch im Hinblick auf die aktuelle Diskussion um Integration, Diskriminierung und Dschihad. 

Nicholas Shakespeare, Broken Hill. Hoffmann und Campe, Hamburg 2016.

Rezensionen bei welt.de und bei tagesspiegel.de
official website 

Wednesday, April 19, 2017

GEO Wissen: Glück - Wie das Leben gelingt

Herausgegeben hat diesen Band mit Essays, Reportagen und Interviews Michael Schaper und es ist eine Zusammenstellung aus GEO Wissen.
Beleuchtet wird das Thema Glück von unterschiedlichen Seiten, aus wissenschaftlicher, historischer und philosophischer Sicht.
Die Artikel sind, wie immer bei einer solchen Zusammenstellung, unterschiedlich spannend, aber bündelt ganz gut den derzeitigen Stand der Erkenntnis, vor allem auch dass der Anspruch, glücklich zu sein bzw. das Streben nach dauerhaftem Glück vermutlich vergebens ist.
Bilanz: Es gibt keine Pauschalrezepte, es gibt Veranlagungen/Charaktere, die Glück begünstigen, aber es ist nicht unlernbar,... wichtige Schlagworte sind Selbstwertgefühl und Resilienz.  
 
Michael Schaper (Hrsg.), GEO Wissen: Glück - Wie das Leben gelingt. Gruner und Jahr, Hamburg 2014.

Monday, April 17, 2017

Robin Sloan - Die unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra

Penumbras Buchladen in San Francisco war Schauplatz von Robin Sloans erstem Buch. Er versetzt uns in diesem kurzen Roman zurück ins Jahr 1969, als Penumbra noch Student war (Originaltitel Ajax Penumbra 1969). Er wird von seinem Professor einer dubiosen Unterabteilung des Fachbereichs Englische Literatur damit beauftragt, ein bestimmtes Buch zu finden. Die Spur führt nach San Francisco in eben jenen Buchladen, den Penumbra später selbst leiten wird. Es stellt sich heraus, dass die Buchhandlung zunächst auf einem Schiff eröffnet wurde (der Hafen San Franciscos war scheinbar voller herrenloser Schiffe während des Goldrauschs, im Detail hier nachzulesen), das dann aber mitsamt des gesuchten Buches versenkt wurde. Zum Glück wird gerade die U-Bahn gebaut und die Röhre führt direkt an diesem Schiff vorbei... Trotz seines Rechercheerfolgs will Penumbra am Ende nicht mehr zurück an die Uni, vielmehr interessiert er sich nun für die Buchhandlung und wird Mitarbeiter und Mitglied des geheimnisvollen Buchclubs.
Der Plot war zwar recht vorhersehbar, der geschichtliche Teil mit den versenkten Schiffen aber interessant, die Charaktere ebenfalls (so in der Kürze möglich) und die Atmosphäre nett, so dass man einen Abstecher in diese Buchhandlung zur Zeit des FlowerPower machen wollte. Außerdem ist es ein Buch über Bücher, das ist immer ein Plus!


Robin Sloan, Die unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra. Karl Blessing, München 2014.

Sunday, April 16, 2017

Dora Heldt - Tante Inge haut ab

Dora Heldts Roman Tante Inge haut ab steht auf der Liste der Bücherkulturchallenge. Sonst hätte ich mich vermutlich an das mir selbst gegebene Versprechen, nach Kein Wort zu Papa kein weiteres Buch mehr von der Autorin zu lesen, gehalten.
Zu meinem damaligen Urteil über die Protagonistin Christine kann ich weiterhin stehen: Sie begreift eher sehr langsam, was man ihrer Tante bzw. was auch mit ihr selbst los ist, und muss sich dies erst von ihrem großartigen Partner Johann (der etwas arg überzogen toll ist) erklären und danach in die richtige Richtung schubsen lassen.
Tante Inge ist schon etwas stärker gezeichnet, aber ihre gekünstelte Geheimhaltung (ähnlich wie in Kein Wort zu Papa) erzeugt das bisschen Plotspannung, das der Roman enthält, und das dann ewas ab der Hälfte des Buches lächerlich und überflüssig wirkt.
Die Komik/Schrulligkeit der übrigen Charaktere ist ebenfalls etwas überzogen, das Syltsetting dagegen ganz positiv.
Die inhaltlich interessanten Aspekte wie Inges Idee vom Mehrgenerationenhaus oder die Problematik eines souverän geführten Lebens im Alter werden leider nicht weiter ausgebaut. Christines Probleme wirken dagegen aber lächerlich.
Insgesamt also seichte (Urlaubs-) Unterhaltungslektüre ohne Tiefgang und weitere Bedeutung... hätte aber schlimmer sein können (siehe Kein Wort zu Papa, ohne mich wiederholen zu wollen...).

Dora Heldt, Tante Inge haut ab. dtv, München 2010.

Thursday, April 13, 2017

Patrick Süskind - Der Kontrabass

Der Kontrabaß (Diogenes besteht scheinbar auf die Schreibung in alter Rechtschreibung...) von Patrick Süskind ist ein Ein-Personen-Stück von 1980, das 1981 in München uraufgeführt wurde. Als Buch erschien es 1984, die e-book Ausgabe erschien erst 2014 (!).

Es handelt sich um den Monolog eines Kontrabassisten, der sich an einen unbekannten Zuhörer wendet. Dabei spricht er alle erdenklich Themen an:
  • die Geschichte des Kontrabasses als historischer Exkurs
  • die sträfliche Vernachlässigung des Instruments in der Musikliteratur (kein Komponist interessierte sich sonderlich dafür)
  • die Unerlässlichkeit des Basses als Basis der Orchestermusik durch seine tiefe Lage
  • die Beziehung des Musikers zu seinem Instrument - dabei kommt der psychoanalytische Moment zum Tragen, dass sich nur Gestörte ein derart unpraktisches Instrument aussuchen
  • beziehungstechnisch ein Klotz am Bein, der Bass ist immer im Weg, der Protagonist fühlt sich regelrecht vefolgt und beobachtet 
  • seine Beziehung zur Musik und zu seinem Beruf - er fühlt sich unzulänglich, empfindet Musik zwar intensiv und ist gebildet in diesem Bereich, sieht sich selbst aber als Handwerker ohne musikalische Seele, verachtet entsprechend auch seine berufliche Position als Beamter
  • ...

Das Stück ist durchsetzt mit sich verstärkenden Ausbrüchen von Wut und Verzweiflung, er ist ohne Wertschätzung für sich, sein Instrument und den Musikbetrieb. Daraus folgt seine Wahrnehmung von sich als armselige Existenz ohne Perspelktive und Hoffnung. Seine Chancen, glücklich zu werden (z.B. durch die Erfüllung seiner Liebe zu einer Sopranistin), sieht er als äußerst gering an - eine deprimierende Quintessenz.

Es ist ein interessantes Buch für Laien und für Menschen mit mehr oder weniger Backgroundwissen über Musikgeschichte und den Musikbetrieb - vielschichtig.

Patrick Süskind, Der Kontrabaß. Diogenes, Zürich 2014.

Wednesday, April 12, 2017

Jeffery Deaver - Der Täuscher

In seinem achtem Fall wird Lincoln Rhymes Cousin, mit dem er seit seinem Unfall keinen Kontakt mehr hatte, für einen Mord verhaftet, den dieser nicht begangen hat. Die Beweise wirde fingiert, der Täter muss über extrem viel Wissen über das Opfer, aber auch über den Sündenbock verfügen. Die wenigen realen Spuren führen zu einer Datensammlerfirma, die sowohl von der Polizei genutzt wird, aber auch kommerziellen Zwecken dient. Schon bald wird klar, dass das Ausmaß der gesammelten Daten besorgniserregend ist, wenngleich dies gegen Ende auch zur Aufklärung beiträgt. Klar ist, der Täter muss einen Bezug zu dieser Firma haben, dadurch merkt er aber auch schnell, dass man ihm auf der Spur ist. Er schlägt zurück unf geht einen Schritt weiter: Er platziert falsche Daten, um den Ermittlern Ärger zu machen und ihnen persönlichen Schaden zuzufügen.
Um Spurenanalyse im eigentlichen Stile Lincoln Rhymes geht es eigentlich weniger (was schade ist), gleichzeitig wird das spannende Thema der "Datenspuren" eingeführt. Einen Schutz der Privatsphäre gibt es im Sinne der Datensammler eigentlich nicht mehr, nichts ist mehr privat!
Der Plot von Der Täuscher ist nicht mehr ganz so verquer verschachtelt wie der von Der gehetzte Uhrmacher, hingegen wirkt der privat-familiäre Aspekt von Lincoln und seinem Cousin etwas aufgesetzt, um dem ganzen auch emotionale Tiefe zu geben. Dies gelingt nicht besonders gut, mag aber auch den Audiobook-Kürzungen geschuldet sein.
Solide, unterhaltsam, wenn auch kein herausragender Fall.

Jeffery Deaver, Der Täuscher. RandomHouseAudio 2009.

Zur Reihenübersicht Lincoln Rhyme und Amelia Sachs

Neil Gaiman - Das Graveyard Buch

Zugegeben, der deutsche Titel ist keine Glanzleistung, aber klingt vermutlich besser als eine komplette deutsche Übersetzung, zumal Friedhof im Titel vermutlich deutsche Käufer abschrecken könnte. Das Cover ist auch so schon gruselig genug...

Das Buch beginnt mit der Ermordung der Familie des Protagonisten, als dieser noch ein Kleinkind ist. Irgendwie krabbelt er dem Mörder davon und wird von den Geistern und anderen Bewohnern des benachbarten Friedhofs aufgenommen, die fortan seine Erziehung übernehmen. Man nennt ihn Nobody (Bod) Owens. Er lebt in einer Zwischenwelt, ist im Diesseits und im Jenseits zuhause.
Die Charaktere, die den Friedhof bewohnen, werden von Gaiman gewohnt grandios gezeichnet, man möchte sie kennenlernen, sich wie Bod mit ihnen unterhalten und von ihnen lernen. Doch als Bod älter wird, möchte er auch die normale Welt erforschen, der Friedhof wird ihm zu klein. Schnell wird klar, dass die Bedrohung, die seine Familie auslöschte, immer noch besteht. Zunächst weicht er der Konfrontation noch aus, doch um den Friedhof verlassen zu können und sein Leben zu leben, muss er seine Gegner bekämpfen.
Während die ersten zwei Drittel des Buchs höchst unterhaltsam und skurril-spannend waren, konnte mich der Showdown nicht begeistern. Unklar blieben die (Hinter-) Gründe, warum Bod das Ziel seiner Gegner wurde, eine alte Prophezeiung wird erwähnt, ist aber nur ein MacGuffin und wird nicht weiter erläutert. Sein Sieg fällt ihm ein wenig zu leicht, der Kampf seines Vormunds wirkt auch aus dem Kontext gerissen. Hier wäre ein bisschen mehr Erklärung nötig gewesen oder es hätte bei "Böse Menschen tun böse Dingen" bleiben müssen. Traurig ist außerdem, dass Bod seine Verbindung zur Geisterwelt verlieren muss, um in die echte Welt hinauszugehen. Trotzdem ist Gaimans Erzählstil recht einzigartig und die Charaktere und Atmosphäre des Buchs haben viel Spaß gemacht.

Neil Gaiman, Das Graveyard Buch. Arena, Würzburg 2009.

Thursday, April 06, 2017

Tess Gerritsen - Roter Engel

Roter Engel von Tess Gerritsen aus dem Jahr 1997 handelt von der Ärztin Tony Harper. In ihrer Nachtschicht im Krankenhaus taucht ein verwirrter alter Mann auf mit merkwürdigen, anfallartigen Symptomen auf, doch bevor er noch adequat untersucht und behandelt werden kann, verschwindet er wieder. Als ein weiterer Patient mit ähnlichen Symptomen verstirbt, ordnet Tony eine Obduktion an und der Pathologe Daniel Dvorak vermutet eine hochansteckende Krankheit. Zusammen verfolgen die beiden die Spuren, die sie in eine exklusive Seniorenresidenz führen. Die dort angesiedelten Ärzte sind wenig kooperativ, gleichzeitig hat Harper den Eindruck, dass jemand versucht, ihr und ihrer demenzkranken Mutter zu schaden.
Die Aufklärung des Medizinthrillers, der im Bereich experimenteller Genertik mit unethischischen Methoden liegt, vermengt Horror und den berechtigten Zweifel, dass vielleicht doch schon ähnliches durchdacht oder sogar erprobt wird. Die Ärztin Tony Harper hat nicht das Charisma und die Intelligenz einer Maura Isles und war mir nicht sonderlich sympathisch, aber Tess Gerritsen hat mit Roter Engel durchaus einen durchdachten Plot und gute Spannung vorgelegt.

Tess Gerritsen, Roter Engel. Randomhouse Audio 2011.

Thursday, March 30, 2017

Andreas Föhr - Wolfsschlucht

In Andreas Föhrs sechstem Fall am Tegernsee ermittelt Kommissar Clemens Wallner in zwei Fällen, die zunächst nur eine Sache gemeinsam haben: Kollege Leonhardt Kreuthner ist wieder einmal darin verwickelt. Ein Bestattungsunternehmer steckt mitsamt seinem Leichenwagen in der Mangfall, was zunächst als Scherz einer durchzechnten Nacht mit Kreuthner und seinen Kumpanen begann, aber tödlich endete - der Mann wurde erschossen. Gleichzeitig verschwindet eine junge Frau verschwindet. Ihr Wagen wird kurz darauf im Gebirge gefunden – aufgespießt von einem Maibaum.
Für dieses, eher bizarr anmutenden Element des Falls ist wiederum Kreuthner verantwortlich, da dessen wirrer Plan für einen Maibaumklau eine etwas andere Wendung nahm als geplant.
Wallner sieht sich einmal mehr in der Lage, den Kollegen verteidigen zu müssen, liefert dieser doch außer seinen immer am Rand der Legalität verlaufenden Scherzen auch immer wieder für den Fall relevante Hinweise - wenngleich auch diese auf die typisch kreuthnersche Art gesichert werden.
Diesmal gleiten die Ermittlungen allerdings nicht in den Slapstick ab (wie zuletzt bei Totensonntag), sondern die Fälle werden konsequent ermittelt, wenngleich am Ende Kommissar Zufall etwas nachhilft. Der Fall bekommt zudem eine sehr persönliche Note für Wallner, sieht er sich doch gleich auf mehreren Ebenen mit seiner persönlichen Familiengeschichte konfrontiert. Etwas zu kurz kommt meines Erachtens am Ende der Aspekt der Motivation hinter den Taten - hier wird eine Familiengeschichte des Missbrauchs der anderen Art angerissen, aber für die Betroffenen nicht weitergedacht, kein Ausblick gewagt, besonders optimistisch wird sie nicht sein, aber der Autor gewährt uns keine Innensicht mehr.
Die Lesung von Michael Schwarzmaier ist sehr gelungen wie immer und sicherlich auch einer der Gründe, warum ich die bisherige Reihe in einem relativ kurzen Zeitraum komplett verschlungen habe.

Andreas Föhr, Wolfsschlucht. Argon 2015.

Liste der bisherigen Fälle:
Der Prinzessinnenmörder (2009)
Schafkopf (2010)
Karwoche (2011)
Schwarze Piste (2012)
Totensonntag (2013)
Wolfsschlucht (2015)

Monday, March 27, 2017

Jirō Taniguchi - Die Sicht der Dinge

Nachdem ich die Kurzgeschichtensammlung Von der Natur des Menschen von Utsumi/Taniguchi gelesen hatte, war ich neugierig auf die anderen Werke des Künstlers Jirō Taniguchi.
In Die Sicht der Dinge geht es um Yoichi, der nach dem Tod des Vaters erstmals wieder in seinen Heimatort Tottori zurückkehrt. Dort wird er warmherzig von seiner Familie empfangen, obwohl er diese seit 15 Jahren nicht mehr besucht hat. Bei der Totenwache erzählen ihm seine Verwandten von ihren Erinnerungen an den Vater - und zeichnen dabei ein ganz anderes Bild von den Ereignissen seiner Kindheit und Jugend, als jenes, an dass sich Yoichi zu erinnern glaubt. Nur zögernd kann er sich eingestehen, dass er seine Ansichten revidieren muss.
Obwohl klar wird, dass Yoichi seinem Vater gegenüber ungerecht war und viele Dinge andere (Hinter-) Gründe hatten, als er angenommen hatte, ist der Grundton des Romans nicht vorwurfsvoll. Yoichi trauert darum, nun keine Gelegenheit mehr zu haben, mit dem Vater zu sprechen und sein Verhältnis zu ihm zu verändern. Er erkennt an, dass die Ähnlichkeiten zwischen seinem Vater und ihn nichts sind, was er ablehnen muss, im Gegenteil kann er annehmen, dass die gütigen Grundzüge des Vaters auch in ihm zum Tragen kommen. So kann der Verlust bewirken, seine eigene Einstellung zu Familienbanden und zur Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu überdenken und diese zu verändern. Eine zwar traurig-tragische Geschichte, die aber positiv im Blick behält, dass Menschen sich immer dafür entscheiden können, ihren Lebensweg und ihre Lebenseinstellung zum Guten zu verändern.

Jirō Taniguchi, Die Sicht der Dinge. Carlsen, Hamburg 2008.

Friday, March 24, 2017

Aldous Huxley - Schöne neue Welt

Ein Roman der Zukunft - 2540 n. Chr.spielt Aldous Huxleys Dystopie von 1932. Der Titel bezieht sich auf ein Zitat aus Shakespeares Drama Der Sturm (5. Akt, Vers 181-183):
„O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in’t!“

(dt. „O, Wunder! Wie viele herrliche Geschöpfe es hier gibt! Wie schön der Mensch ist! O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“)
Doch so wundervoll und herrlich ist natürlich nichts in dieser Zukunftswelt. Oder doch?
Durch die Augen der Protagonisten Lenina, Bernhard, Helmholtz und John, dem "Wilden" wird uns eine Welt präsentiert, die eine perfekt funktionierende Gesellschaft bietet. Durch genetische Manpulation und künstliche Fortpflanzung wird die Menschheit in fünf Kasten hineingeboren und diesen Kasten entsprechend konditioniert. Der Konditionierung entsprechend sind sie mit ihren jeweiligen Lebensaufgaben zufrieden, haben ein geregeltes Arbeits-, Freizeit- und Sexualleben. Sollte trotzdem ein Unwohlsein auftreten, wird dem mit der Einnahme von Soma, einer staatlich verordneten Dauerdroge entgegengewirkt. Ein Verlassen des vorgezeichneten Lebenswegs ist nicht vorgesehen, der Wunsch danach kommt selten auf und wird dann als unnormal und krankhaft wahrgenommen. Dazu zählt der Wunsch nach einer andauernden Beziehung, nach Fortpflanzung, nach künstlerischen Ausdruck oder wissenschaftlicher Forschungsdrang - alles Dinge, die in dieser Welt nicht vorkommen. Die Religionen sind durch eine Art Kult um den Automobilhersteller Henry Ford ersetzt worden.
Es gibt einige wenige Menschen, die als Naturvölker ohne den Komfort des Fortschritts in Reservaten und in einem anderen Gesellschafts- und Wertesystem leben. Bei einem Besuch in einem solchen Reservat, entdecken Lenina und Bernhard den "Wilden" John, der als Außenseiter dort lebt, da seine Mutter nicht zum Stamm gehörte. Er folgt den beiden in die Zivilisation und befindet sich bald in einem unauflösbaren Konflikt zwischen den beiden Systemen, der tragisch endet. John ist es auch, der Teile seines Wissens aus einer alten Shakespeare-Gesamtausgabe bezieht, aus der er regelmäßig zitiert (Titelbezug).
Huxleys Roman hat trotz der vielen technologischen Errungenschaften der Jetztzeit, die denen im Buch nahe kommen, seinen dystopischen Charakter nicht verloren. Oder ist die gleichförmige, gleichgültige, drogeninduzierte Zufriedenheit doch eine Utopie - etwas Wünschenswertes, auch wenn es mit dem Verlust von Familie, Kunst, Geschichte und Glauben einhergeht? Wohl eher nicht, auch nicht vor dem Hintergrund eines zunehmend versagenden kapitalistischen Gesellschaftssystems. Es stecken noch viele interessante Fragen in dem Roman, auch wenn es andere Fragen sind, als man sie sich vielleicht 1935 beim Erscheinen gestellt hat. Nicht ohne Grund ist es ... ein Klassiker, ein Meilenstein der Literaturgeschichte.

Aldous Huxley, Schöne neue Welt. Hörverlag 2013.

Monday, March 20, 2017

Enid Blyton - Fünf Freunde auf der Felseninsel

Fünf Freunde auf der Felseninsel ist die sechste Folge der beliebten Reihe von Enid Blyton und besonders bei dieser Geschichte, bei der Onkel Quentin die Felseninsel besetzt, um Experimente zu machen, deren Ergebnisse ihm natürlich gestohlen werden sollen, hatte ich die Hörspielfassung deutlich im Ohr. Ganze Dialoge und Erzählpassagen sind fast wortwörtlich aus dem Buch entnommen, so dass mein Gehirn noch die Soundeffekte der sirrenden Drähte im Turm und Timmys Gebell im Tunnel dazu einblenden konnte. Wunderbare, unterhaltsame Wiederbegegnung mit einem Buch, das im Original erstmals 1947 (!) erschien.

Enid Blyton, Fünf Freunde auf der Felseninsel. cbj, München 2015.

Sunday, March 19, 2017

Andreas Suchanek - Das Erbe der Macht - Band 1: Aurafeuer

Bei einer Verlosung zur Leserunde habe ich auf wasliestdu einen Sammelband mit den ersten drei Bänden der Reihe "Das Erbe der Macht" von Andreas Suchanek gewonnen.
Es handelt sich um eine Urban Fantasy Reihe, bei der Magier und Menschen durch einen magischen Wall voneinander getrennt leben. Die guten Magier, die Lichtkämpfer, werden bedroht von den Schattenkriegern, den bösen Magiern.
In Aurafeuer wird der Leser Hals über Kopf in diese magische Welt gestürzt und muss sich in einer Vielzahl neuer Begriffe und Gegebenheiten zurechtfinden. Ein Glossar am Ende des Buchs (aus irgendwelchen Gründen nicht alphabetisch) und auch ein Neuling in der Magiergruppe, dem auch einiges erklärt werden muss, helfen dabei.
Die Magie ist so alt wie die Welt, daher gibt es einen Rat der Unsterblichen. Hier wählte der Autor bekannte historische Figuren wie Johanna von Orleans, Leonardo da Vinci oder Albert Einstein, vermutlich um den Charakteren gleich eine bestimmte Färbung und Geschichte zu geben. Als Gegenspieler dient der Graf von Saint Germain, um den sich zahlreiche Legenden ranken (u.a. auch in der Edelstein-Trilogie von Kerstin Gier verwendet), und eine mysteriöse Schattenfrau, deren Identität ungeklärt bleibt.
Insgesamt skizziert der erste Band die Charaktere nur in Ansätzen, es werden bestimmte Typen angelegt, die nun darauf warten, in den Folgebänden vertieft zu werden. Gleiches gilt für den Grundkonflikt zwischen Gut und Böse, zahlreiche Andeutungen werden gemacht, Geheimnisse aufgezeigt und Legenden und die Existenz eines Verräters erwähnt.
Betrachtet man Aurafeuer als Einzelband, so bleibt man über den Plot und den Spannungsbogen recht frustriert zurück. Kaum hat man sich in dieser Fantasy-Welt orientiert, endet der Band bereits mit zahlreichen aufgeworfenen Fragen und keinen Antworten. Das finde ich besonders für das Intro in eine umfangreiche Reihe problematisch. Meines Erachtens sollte ein Bogen gespannt, eine vollständige (Teil-) Geschichte erzählt werden. Statt dessen liegt mit Aurafeuer eine Art Einleitung zur Reihe vor, deren Charaktere mich nur halbwegs interessierten können. Besonders die Verwendung der historischen Figuren finde ich fragwürdig, da sie ins Geschehen hineingeworfen werden, kein Bezug zu ihrer Persönlichkeit oder ihrer geschichtlichen Bedeutung hergestellt wird und sie damit auf ihren Namen reduziert werden. Provokant gefragt: Konnte der Autor keine eigenen markanten Charaktere erdenken? Warum dieses Name-Dropping?  Die Gedankenwelt und Lebenswelt der übrigen Charaktere entspricht ihrem jugendlichen Alter (Freundschaft, Liebe, Sex, Discos, ---) und lässt etwas die Tiefe vermissen, zumal sie sich doch offensichtlich am Anfang einer dramatischen Veränderung oder Bedrohung in ihrer magischen Welt befinden...
Abgesehen von diesen Schwächen hinsichtlich der Charaktere und des Plots ist Suchaneks Schreibstil flüssig zu lesen, nicht komplex, aber klar, und die Ideen zu seiner magischen Welt sind interessant und haben Potential. Dennoch bin ich mir noch nicht sicher, ob ich den zweiten Band (obgleich ich ihn im Sammelband vorliegen habe) lesen werde. 
Das Buch selbst ist ein sehr schöner Hardcoverband und die Illustration der Feuer schaffenden Hand von Nicole Böhm ist ansprechend.

Andreas Suchanek, Das Erbe der Macht. Schattenchronik 1. Greenlight Press, Karlsruhe 2016.


Sunday, March 12, 2017

Ceramic art from South Africa

Innocence - ceramic by Richard Bollers
After these many years it is still surprising how a little postcard can make an impression on you. I don't know that much about South Africa. This card shows a ceramic work by an artist who lives and works there. Richard Bollers addresses "everyday issues affecting the urban poor" so a website of an art initiative tells us about him. There was an information text on the artist on the card too, it was good to get to know more.

The card was sent by Jaco and Johanet who told me a bit about their weekend and I liked that they enjoyed the same things on weekends as I do - although living more than 9000 km away.

Saturday, March 11, 2017

Beijing bicycle

bicycle in an alley in Beijing, China
postcrossing card sent by Vicky, China







There are nine million bicycles in Beijing
That's a fact
It's a thing we can't deny
Like the fact that I will love you till I die

We are twelve billion light years from the edge
That's a guess
No one can ever say it's true
But I know that I will always be with you

I'm warmed by the fire of your love everyday
So don't call me a liar
Just believe everything that I say

There are six billion people in the world
More or less
And it makes me feel quite small
But you're the one I love the most of all

We're high on the wire
With the world in our sight
And I'll never tire
Of the love that you give me every night

There are nine million bicycles in Beijing
That's a fact
It's a thing we can't deny
Like the fact that I will love you till I die

Nine million bicycles by Katie Melua, from the album Piece by Piece, 2005

Tuesday, March 07, 2017

Loch Ard Gorge

Loch Ard Gorge, Victoria, Australia
text on the card explains: "Located on the ragged coastline followed by the Great Ocean Road, Loch Ard Gorge is named for the iron clipper ship Loch Ard wrecked there in 1878 with the loss of all but two of those on board after a three-month voyage from Britain."
postcrossing card by Tanja, a German living in Australia

Monday, March 06, 2017

Colin Cotterill - Dr. Siri und die Geisterfrau


Dr. Siri wird älter und ist offiziell pensioniert, das Laos der 70er Jahre hat damit keinen Leichenbeschauer mehr. Doch dann wird in einem abseits gelegenen Dorf eine Frau ermordet - aber kurz nach ihrer Einäscherung taucht sie wieder auf und steht nun im Kontakt mit der Geisterwelt. Das will sich die Frau eines laotischen Generals zunutze machen, sie will herausfinden, wo sich die sterblichen Überreste ihres verschollenen Bruders befinden. Der General beordert kurzerhand Siri, der Exkursion in das Dorf den Mekong hinauf zu folgen. Mit dabei sind auch Siris Frau Daeng und sein Gehilfe Geung.
Gleichzeitig taucht daheim ein mysteriöser Franzose auf, der auf der Suche nach Daeng ist und absolut nichts Gutes im Schilder führt.
Parallel zu der eigentlichen Geschichte um die seltsame Geisterfrau und die Suche nach den Gebeinen erzählt Madame Daeng ihre Lebensgeschichte, aus der ersichtlich wird, warum der Franzose hinter ihr her ist. Gleichzeitig wird damit ein weiterer Teil der laotischen (Besatzungs-) Geschichte näher beleuchtet aus der Sicht einer Frau - eine durchaus ungewöhnliche Perspektive.
Für die zwei Perspektiven werden auch zwei Sprecher eingesetzt, Peter Weis und Traudel Sperber. Obwohl beide die Personen gut verkörpern, fehlte mir Jan-Josef Liefers, der die anderen Cotterill Krimis gelesen hat, doch.  
Einmal mehr gelingt es Cotterill, den sympathischen Siri in einen vielschichtigen und spannenden Fall zu verwickeln, trotz seiner mystischen Fähigkeit, Geister zu sehen, ermittelt er mit Verstand und viel Witz wie immer. Die Portion laotischer Geschichte macht diesen Band zu einer runden Sache.

Colin Cotterill, Dr. Siri und die Geisterfrau. Hörverlag 2016.

Learning songs

Learning a song in the Gorky Park, Moscow 1950s, Russia
- apparently a typical leisure activity at the time!
 postcrossing card by Lana from Russia

Saturday, March 04, 2017

Manfred Mai - Wunderbare Möglichkeiten

 Manfred Mais Biografie weist einen verschlungenen, keinesfalls geradliniegen Weg auf, eine Tatsache, die sich auch in Wunderbare Möglichkeiten wiederspiegelt.
Auf knappen 127 Seiten erzählt Mai aus dem Leben von Maximilian. Er ist elf, liest viel, mag seinen besten Kumpel Yasin und seine Schwester Leonie und ist oft genervt von Schule und den Erwachsenen, die ihn nicht ernst nehmen. Denn er denkt viel darüber nach, warum das Leben so ist, wie es ist - warum ihm bestimmte Dinge passieren und wer sein Leben eigentlich lenkt. Er stellt viele Fragen, philosophische Fragen und rennt damit bei den Erwachsenen so manches Mal vor die Wand, weil diese zum Teil auch keine Antworten haben, nicht nachdenken wollen oder zu sehr in ihrem eigenen Stress verhangen sind, um sich Zeit zu nehmen. Trotzdem lässt Maximilian nicht locker, fragt weiter, denkt nach, liest nach und findet Antworten an den unterschiedlichsten Stellen.
Es ist verblüffend, wie sensibel und treffsicher der Autor in dieser Kürze die typische Lebenswelt eines jungen Menschen umreißt (bei der Schilderung von Lehrern und Schulalltag war seine eigene Lehrtätigkeit sicher hilfreich) und die Unsicherheit und die vielen inneren Fragen gekonnt darstellt. Dabei finden große Themen wie Liebe, Freundschaft, Glaube und der Sinn des Lebens Platz und bleiben dabei verständlich auch für Kinder.
Das Coverbild stammt von Quint Buchholz und ist sehr gut gewählt, da Maximilian in Büchern neue Welten entdeckt, sie ihn prägen und er dort Antworten findet. Sie weiten seinen Blick auf die Welt - wie das "Buchfernglas" in Quint Buchholz' Bild. 

Wunderbare Möglichkeiten ist ein weises, zum Nachdenken anregendes Buch, das Kindern Mut machen kann, selbst zu entscheiden und einen eigenen Weg zu gehen - hat mir sehr gefallen!

Manfred Mai, Wunderbare Möglichkeiten. Fabulus, Fellbach 2016.

Friday, March 03, 2017

Kurz Vonnegut - Schlachthof 5

Höchstwahrscheinlich ist dies ein Buch, das ich nie gelesen hätte, wenn sie nicht auf der Liste der Bücherkulturchallenge bzw. auf Radcliffe's Rival 100 Best Novels Liste gestanden hätten. Die Wurzeln des amerikanisches Autors liegen nur um die Ecke, beide Elternteile stammen aus dem Münsterland. Kurt Vonnegut war als Schriftsteller zunächst wenig erfolgreich und erst mit Schlachthof 5 erlangte er Beachtung. Er verarbeitet darin seine eigenen Erlebnisse als amerikanischer Kriegsgefangener, als der er die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 in den Kellern eines nicht mehr benutzten Schlachthofs überlebte.
Vonnegut bedient sich eines schwer zu beschreibenden Erzählsstils. Er ist als Autor präsent, erklärt, was er erzählen will und erschafft sich einen Protagonisten namens Billy Pilgrim, der die Dinge erlebt, die Vonnegut zum Teil selbst erlebt hat. Hinzu kommen Billys weitere Schicksalschläge, die zum Teil im Science Fiction Genre anzusiedeln sind (Entführung von Außerirdischen, Zeitsprünge) und außerdem zynische Schilderungen der amerikanischen Gesellschaft der 60er Jahre enthalten. Heraus kommt ein sehr gewöhnungsbedürftiges Storytelling, dass durch die Zeitsprünge des Billy Pilgrim auch nicht chronologisch erfolgt. Viele der geschilderten Kriegsgeschehnisse und Derstellung der Menschen in der Kriegssituation beziehen klar Stellung gegen den Krieg - andererseits sind diese durchweg wenig emotional, trotz des Horrors, und werden durch die Science Fiction Elemente gebrochen.

Vonneguts Buch ist verstörend und irritierend, selbst über 40 Jahre nach seinem ersten Erscheinen. Es ist vielschichtig und verdient vermutlich eine intensivere Beschäftung, um seine Bedeutungsebenen besser zu erfassen. Andererseits bleiben Billy Pilgrim und der Erzähler auf Abstand, berühren den Leser wenig. Das immer wiederkehrende, fatalistische "So geht das."  ("So it goes."), mit dem der Autor die Schilderung der grausamsten Ereignisse sprachlich abschließt, um zum nächsten überzugehen, rückt alles in eine enervierende Beliebigkeit, die mich vermutlich von einer zweiten Lektüre abhalten wird. Dennoch war Schlachthof 5 eine interessante Leseerfahrung.

Kurz Vonnegut, Schlachthof 5. rororo, Reinbek 2000.

Wednesday, March 01, 2017

Rare card from Åland Islands

As a postcrosser you are always happy if you receive a card from a rare country. Ususally these have very short ID number. This card from the Åland Islands was sent by Hannele Ögard who is a textile artist. She also put a lot of little brochures into one big envelope so it was more a present than just a card. 
Thank you, Hannele - this is postcrossing at its best!

Monday, February 27, 2017

Don't waste time

This probably translates as:
"Waste of time is as irreversible as death."
postcrossing card by Robert from Poland

Saturday, February 25, 2017

Jeffery Deaver - Der gehetzte Uhrmacher


Dies ist der siebte Band in Jeffery Deaver Reihe um Lincoln Rhyme and Amelia Sachs. Der gehetzte Uhrmacher ist ein geschickter Mörder, der alle seine Schritte sorgfältig im Voraus plant und somit einen würdigen Gegner für den Forensiker Lincoln Rhyme darstellt. Sachs arbeitet gleichzeitig noch an zwei ungeklärten Mordfällen, die scheinbar mit Korruption innerhalb der Polizei zu tun haben.
Wie alle Deaver-Thriller hat auch dieser ein hohes Erzähltempo, viele Dinge geschehen gleichzeitig, in schneller Folge und benötigen schnelle Reaktionen der Protagonisten. Ebenso ist nichts, wie es auf den ersten Blick bzw. auf die erste Schilderung hin scheint, denn der Uhrmacher täuscht nicht nur seine Verfolger, sondern auch seine Auftraggeber sind im Unklaren über seine Motive. Doch Rhyme und Sachs haben weitere Unterstützung durch Kathryn Dance - eine Kinesik-Expertin, der Deaver eine eigene Serie gewidmet hat. Diese bringt die Ermittler mehr als einmal dazu, die Aussagen der Zeugen und Verdächtigen zu hinterfragen, so dass auch die forensischen Beweise anders interpretiert werden müssen. Passend zu der Korruptionsproblematik überlegt Sachs, ob sie den Polizeiberuf an den Nagel hängen will, eine Tatsache, die Rhyme sehr verunsichert. Emotionen und sachliche Analyse der Situation widersprechen sich - gespiegelt durch Dances geschärfte Wahrnehmung menschlichen Verhaltens.
Der gehetzte Uhrmacher ist mit über 15 Stunden Hörzeit (zuverlässig umgesetzt durch Dietmar Wunder) umfangreich und man ist zwischendurch dankbar über die Deaver-typischen Zusammenfassungen der Spurenlage. Die Wendungen, die zwar verblüffen, aber nicht mehr unerwartet sind (auch sie sind typisch Deaver), wirken gegen Ende etwas aufgesetzt, das Austricksen des überschlauen, perfektionistischen Gegners ist ein bisschen unglaubwürdig. Dennoch blieb die Story weitgehend spannend und mit Kathryn Dance und dem neuen Assistenten Ron Pulaski waren zwei neue interessante Charaktere dabei.

Jeffery Deaver, Der gehetzte Uhrmacher, Random House Audio 2007.

Friday, February 24, 2017

Piano music

illustration by Fiep Westendorp for Jip en Janneke by Annie M.G. Schmidt
postcrossing card by Diane from the Netherlands

Tuesday, February 21, 2017

Erich Fried - Schwarz auf weiß

Beim Papier
an dem mein zerknittertes Leben
ersticken wird
suche ich Schutz
vor deinem Schweigen


Im langsamen
Korrigieren
suche ich
ein Gegengewicht
gegen meine voreiligen Worte

Tusche, Sylt 2016, by In Between

Trennung
meiner Trauer von Bitterkeit
Trennung
meiner Ungeduld
von meiner Liebe


Ich suche
geduldig
aber Papier
hat wenig
Geduld


aus: Lebensschatten. Wagenbach-Verlag, Berlin 1981.

Monday, February 20, 2017

For fun

No more words needed - makes me wanna go hiking in the UK again! :)
card sent by Michael, Peak District, UK

Eric Berg - Das Küstengrab

Das Küstengrab von Eric Berg erzählt die Geschichte von Lea Mahler, einer erfolgreichen Fotografin, die nach einem Autounfall ihr Gedächtnis verloren hat. Nur bruchstückhaft erinnert sie sich an die Ereignisse, die zu ihrer Rückkehr auf ihre Heimatinsel Poel und schlussendlich zu dem Unfall führten. In Rückblenden und Erinnerungen Leas, aber auch durch die Erzählungen ihrer Schwester, die bei dem Unfall umkam und nicht mehr befragt werden kann, setzt sich nach und nach das Puzzle zusammen, dass sich um das Verschwinden eines Freundes 1990 und der Rolle der alten Jugendclique dabei dreht.

In aller Kürze ist Das Küstengrab ein sehr psychologisierender Roman, der in weiten Strecken sehr langatmig erzählt wird, ohne dabei eine besondere Atmosphäre zu erzeugen. Das Phänomen des Gedächtnisverlustes trägt nur schwach bis gar nicht zum Spannungsaufbau bei, die Rückblenden sollen zwar Schritt für Schritt an die Wahrheit heranführen, sind dabei aber in derart kleine Häppchen eingeteilt, dass man das Gähnen fast nicht unterdrücken kann. Dieser Lesung hätte es gut getan nicht "ungekürzt" zu sein, über elf Stunden sind für die Story definitiv zu lang, zumal die Aufklärung dann in den letzten paar Minuten doch arg übers Knie gebrochen wird. Hier hat sich der Autor definitiv in einer langatmigen Schilderung der Insel und der kleinen Gruppe von belasteten Charakteren verloren. 

Eric Berg, Das Küstengrab. Random House Audio 2014. 

Auch gelesen vom gleichen Autor: Das Nebelhaus

Eric Berg ist das Pseudonym von Eric Walz, das der Autor für seinen Genrewechsel vom historischen Roman zum Krimi gewählt hat.

Sunday, February 19, 2017

Pooh stamp card

reproduced from a stamp designed by Edward Hughes, 
issued by the Post Office on 18th July 1979, 
card sent by Louise from the UK


Saturday, February 18, 2017

Patrick Ness - Das dunkle Paradies

Nach Die Flucht, dem ersten Band der New World Serie von Patrick Ness, war das Lesen des zweiten Bandes sozusagen unvermeidlich. Da stolpern die Protagonisten dem Tode nah in das Ziel ihrer Flucht, die Stadt Haven, nur um direkt in die Fänge ihrer Feinde zu geraten - ein solcher Cliffhanger ist unerträglich.
War der Feind im ersten Band noch etwas unscharf, so ist der Bürgermeister/Präsident von Prentistown
nun überaus präsent. Er ist das personalisierte Böse, hat Macht und zunächst unverständliche Kräfte. Die große Errungenschaft Havens, den "Lärm" (den Gedankenstrom der männlichen Einwohner) durch Medikamente zu kontrollieren, setzt er ein, um die Bevölkerung zu kontrollieren und zu unterdrücken. Bald wird klar, dass seine Herrschaft eine des Terrors und der Gewalt ist. Sofort werden Viola und Todd voneinander getrennt, beide werden im Unklaren gehalten, wo der andere ist und wie es ihm geht und damit unter Druck gesetzt, zu tun, was der Bürgermeister von ihnen will.
Eine Gruppe von Frauen unter der Führung einer machtbesessenen und skrupellosen Heilerin widersetzt sich dem Bürgermeister und geht in die Rebellion und damit in eine Art Bürgerkrieg. Mit Bomben und Überfällen verbreiten sie Schrecken, gleichzeitig werden sie durch die Propaganda des Bürgermeisters als die Bedrohung dargestellt. Viola wird auf die Seite der Frauen, Todd auf die andere Seite gezogen.
Lange Strecken des Romans dienen der Schilderung des Schreckens und der Ungerechtigkeiten beider Gruppen, auch die Vereinnahmung der beiden Protagonisten durch die Lügen und die daraus resultierende Angst nimmt breiten Raum ein. Dabei legt Ness großen Wert darauf die moralischen Unzulänglichkeiten beider Systeme aufzuzeigen: Die Rebellen, die durch geschickte Manipulation Menschen für sich Risiken eingehen lassen, die Gewaltanwendung für legititm erachten, auch wenn Unschuldige dabei sterben, und deren wahre Ziele im Verborgenen bleiben, stehen auf der einen Seite. Dem gegenüber steht ein ungerechtes totalitäres System mit Arbeits-/Konzentrationslagern, einem Überwachungssystem durch Spitzel, die Unterdrückung und Misshandlung von Schwächeren, die Gehirnwäsche der Untergebenen zum blinden Gehorsam und Anwendung von Folter, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Beides erfährt der Leser abwechselnd durch die Augen von Viola und Todd in allen Grausamkeiten, aber auch mit dem Selbstzweifel und der Verzweiflung, dem System nichts entgegensetzen zu können. Beide fallen auch auf die cleveren Anführer streckenweise herein, auch wenn ihr Glaube aneinander schließlich überweigt.
Diese Schilderung der Systeme ist detailreich - aber auch langatmig. Erst auf den letzten 100 Seiten kommt wieder echte Bewegung in die Handlung, als die Protagonisten wieder aufeinander treffen. Sie besinnen sich aufeinander, werden sich des Betrugs durch die Führenden schmerzlich bewusst und versuchen den Ausbruch und müssen dafür den Kampf gegen den übermächtigen Gegner aufnehmen. Doch um die Sache zu verkomplizieren (und den Cliffhanger für Band drei zu erzeugen) tauchen neue Gegner/Verbündete auf, deren zukünftiger Einfluss auf die Zukunft unklar ist...

Das dunkle Paradies kann nicht durch eine überzeugende actionreiche Handlung überzeugen, der Schwerpunkt liegt sehr stark auf dem psychologischen Effekt totalitärer Systeme auf den Einzelnen, die Frage der Schuld wird dabei seltsam ausgeklammert und mit Hilflosigkeit, Zwängen und "jeder macht Fehler" entschuldigt, so mein subjektiver Eindruck. Hinzu kommen viele schockierende, gewaltintensive Szenen, welche die Brutalität detailreich ausschmücken, hier hätte man mit weniger Drastik auch das gleiche Ergebnis erzielen können. Es fehlen heitere, ausgleichende und vor allem positive Charaktere, die der erste Band in Form von Manchee, Wilf oder Hildy bieten konnte. Der Gesamteindruck ist sehr bedrückend und hoffnungslos, was das Lesen manchmal erschwerte. So bleibt nur die Hoffnung auf ein Happy End im dritten Band.

Patrick Ness, New World - Die Flucht. Ravensburger 2009.


Wednesday, February 15, 2017

Stefani Kampmann - Asphalt Tribe

Stefani Kampmanns Asphalt Tribe ist die Adaption des gleichnamigen Romans von Morton Rhue (wiederum allseits bekannt durch seinen Roman Die Welle). Roman und Graphic Novel handeln von den Schicksalen einer Gruppe von New Yorker Straßenkindern.

Kampmann schafft eine bedrückende Atmosphäre in dunklen, schwarz-weißen Bildern, die dargestellte Kälte der Menschen und der winterlichen Stadt lässt den Leser unwillkürlich frösteln. Jeweils nach einer Polizeiakte auf einer Doppelseite, auf der mit einem Steckbrief und einer kurzen Lebensgeschichte einer der Jugendlichen dargestellt wird, folgt ein Abschnitt mit dem Schicksal desjenigen. Die Themen sind Drogen, Alkohol, Missbrauch, Prostitution und Einsamkeit. Der lockere freundschaftliche Zusammenhalt kann manchmal unter den krassen Bedingungen auf der Straße nicht aufrecht erhalten werden. Unbeschönigt werden die Todesfälle in der Clique dargestellt, aber auch, dass es Hoffnung geben kann und man einen Neuanfang jenseits des Lebens in der Obdachlosigkeit wagen kann. 

Dem Medium geschuldet, können die Schicksale der einzelnen Mitglieder des Asphalt Tribes nur angerissen werden, wo der ursprüngliche Roman mehr in die Tiefe gehen kann. Die Bilder beeindrucken und wecken durchaus Verständnis für die Thematik des Straßenkinder.

Stefani Kampmann, Asphalt Tribe. Ravensburger, Ravensburg 2011.

Tuesday, February 14, 2017

Moritz Stetter - Bonhoeffer

Die Graphic Novel Luther von Moritz Stetter fand ich damals interessant, auch wenn sie mich nicht völlig begeistern konnte - weder grafisch noch inhaltlich. Biographien, die in Graphic Novels erzählt werde, finde ich generell eine schöne Idee, erhält man doch Einblicke und neue Impulse ohne gleich eine allzu intensive und ausufernde Biografie lesen zu müssen. So fand auch Bonhoeffer des gleichen Künstlers seinen Weg auf meinen Bücherstapel.
Den Bildern vorangestelllt ist eine Seite mit einer Kurzbiografie als Prosatext, so dass man über grundlegende Informationen verfügt und die Geschehnisse auf den Bildern leichter zuordnen kann. Stetter wählt eine klare, schwarz-weiße Bildsprache, die teils an die Gestaltung von Pop Art Bildern Lichtensteins erinnert (cartoonartigen Linienführung, Punktraster etc.). Dazwischen befindet sich einige, offensichtlich an Fotografien angelehnte detailreichere, realistischere Zeichnungen. Die Geschichte wird nicht nur durch die Sprechblasen, sondern auch durch eine Art Voice-Over in Schreibmaschinentypo und durch originale Bonhoeffer-Gedichte transportiert. Bonhoeffers Handeln während der NS-Zeit bis zu seiner Hinrichtung kurz vor Kriegsende wird in einer schlichten, leicht verständlichen Form in Bezug zu seinem vorangegangenen Leben und seinen sozialen Kontakten gesetzt. Einem Kenner von Bonhoeffers Leben erschließen sich eventuell weitere Bezüge und Bedeutungen, die mir verschlossen blieben. Ein interessantes Thema und eine beeindruckende Persönlichkeit, jedoch scheint das Medium oder der Stil der Zeichnungen nicht dazu angetan, eine tiefere emotionale Reaktion hervorzurufen, auch wenn einige Bilder durchaus beeindrucken.

Moritz Stetter, Luther. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010. 

Sunday, February 12, 2017

Friedrich Dürrenmatt - Der Richter und sein Henker


Friedrich Dürrenmatt veröffentliche seinen Kriminalroman Der Richter und sein Henker 1950/51 in acht Folgen in einer schweizer Wochenzeitung.
Kommissar Bärlach ermittelt im Fall der Ermordung seines besten Mitarbeiter Schmied. Da er selbst krank ist, übergibt er vieles an den Kriminalbeamten Tschanz. In Verdacht steht Gastmann, jedoch soll gegen diesen eigentlich nicht ermittelt werden, weil Gastmann wichtige politische Kontakte hat. Es stellt sich außerdem heraus, dass Bärlach und Gastmann sich nicht nur kennen, sondern dass sie eine jahrzehntelange Fehde verbindet. Bisher konnte Gastmann immer triumphieren und kam mit seinen Verbrechen davon.
Doch diesmal ist Bärlach schlauer und trickst ihn mit Hilfe von Tschanz, den er ihm als "Henker" auf den Hals hetzt, mit einem Verbrechen aus, dass Gastmann gar nicht begangen hat. Bärlach gewinnt scheinbar auf allen Ebenen, denn er entlarvt zugleich auch den echten Mörder von Schmied - dieser richtet sich am Ende selbst.

Das Genre des Kriminalromans hat Dürrenmatt mehrfach beschäftigt - in Die Physiker kommt der Kommissar moralisch und fachlich an seine Grenzen und scheitert kläglich an seiner Aufgabe, das Verbrechen aufzuklären. Hier spielt sich Bärlach - wie im Titel verankert wird - als Richter auf , eine echte Ermittlung findet nicht statt, da Bärlach von Beginn an weiß, wer der Mörder ist. Zwar konnte er seinen Gegenspieler Gastmann nie auf legalem Wege überführen, aber schafft er es in dem Moment, als er zu unrechten Methoden greift. Ein solcher Handlungsaufbau widerspricht dem klassischen Krimigenre und stiehlt dem Krimileser auch das übliche Vergnügen der Spannung, des Mitratens und der moralischen Befriedrigung, dass Unrecht gerecht bestraft wird. 
Literarisch betrachtet und in Bezug auf das Genre Kriminalroman ist Der Richter und sein Henker sicherlich interessant, Spannung kommt dagegen weniger auf, zum Glück ist der Roman auch nicht sehr lang.

Friedrich Dürrenmatt, Der Richter und sein Henker. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, München 2004.

Saturday, February 11, 2017

Sunday, February 05, 2017

Ian McEwan - Der Zementgarten

Das Wort, das man in vielen englischsprachigen Rezension von Der Zementgarten von am häufigsten liest, ist "disturbing". Und verstörend ist dieses Buch in jedem Fall.
Der Plot ist schnell zusammengefasst: Innerhalb weniger Wochen sterben Vater (Herzinfarkt) und Mutter (schwere Krankheit/Krebs) der vier Geschwister. Nach dem Tod der Mutter beschließen die beiden Älteren, sie im Keller in Zement zu begraben, um zu vermeiden, dass die Geschwister getrennt werden. Darauf folgt ein langer, heißer Sommer, in dem alle vier unter den psychologischen Folgen auf unterschiedliche Arten leiden. Das Haus verkommt, die vier sind vollkommen von der Außenwelt, aber auch seltsam voneinander isoliert. Der Haushalt verkommt, Jack, der Ich-Erzähler, stellt jegliche Körperhygiene ein und masturbiert nur noch, Sue verschwindet in ihren Büchern und der kleine Tom will erst ein Mädchen und dann ein Baby sein. Julie versucht kurzfristig, die Mutter zu ersetzen und kapituliert. Derweil bricht der Zement unter dem Druck der Verwesung auf und die Realität bahnt sich durch den Geruch ihren Weg. Julies Freund Derek, der einzige Fremde, der das Haus betritt, zählt schließlich eins und eins zusammen, unternimmt jedoch erst nichts. Erst als er Zeuge der inzestuösen Beziehung von Julie und Jack wird, schlägt er Alarm.
Der Autor schockiert mit seiner beiläufigen, aber detailreichen Schilderung von abstoßenden Szenen, sei es die sexuelle Weise, wie die Geschwister miteinander umgehen oder die Einzelheiten der fehlenden Hygiene von Jack. Insgesamt will die sachliche Sprache nicht zu den höchst emotionalen Geschehnissen passen. Besonders Jackist verstörend emotionslos, was den Tod der Eltern angeht, die Andeutungen über die schwierige Beziehung zum Vater sind die einzigen Hinweise auf mögliche Ursachen der seltsamen Familienbeziehungen. Man kann sagen, man ist ein bisschen erleichtert, nicht noch mehr dieser gruseligen Szenen miterleben zu müssen, die dichte Atmosphäre des Romans drückt auf die Stimmung und zeigt damit aber auch McEwans Stärken als Autor.

Ian McEwan, Der Zementgarten. SZ-Edition Band 31, München 2004.


Thursday, February 02, 2017

Daphne du Maurier - Rebecca

Rebecca kannte ich bislang nur in der bekannten Hitchcock-Verfilmung von 1940. Der zugrunde liegende Roman ist von Daphne du Maurier (Erstveröffentlichung 1938) und steht auf der Radcliffe's Rival 100 Best Novels Liste. Das Audiobook des Argon-Verlags mit Eva Mattes als Sprecherin erschien 2007.

Die junge, namenlose Ich-Erzählerin lernt in Monte Carlo Maxim de Winter kennen. Er ist verwitwet und trotz seiner anfänglichen Distanziertheit macht er ihr nach kurzer Zeit einen Heiratsantrag. Sie nimmt an, wohlwissend, dass sie wesentlich jünger ist und auch gesellschaftlich eine geringere Stellung hat als er. Nach den Flitterwochen kehren sie auf de Winters Landsitz Manderley zurück, wo sie große Schwierigkeiten hat, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden. Sie kennt die Abläufe in einem solchen Haus und in dieser Gesellschaftsschicht nicht, die Haushälterin Mrs Danvers verhält sich ihr gegenüber nahezu unverschämt und sie hat ständig das Gefühl mit Rebecca, der ersten Frau ihres Mannes, verglichen zu werden.
Sie erfährt, dass Rebecca bei einem Segelunfall ertrunken sei. Sie versucht in ihre Rolle hineinzuwachsen, doch bei einem von ihr geplanten Kostümball eskaliert die Situation, weil sie (beeinflusst durch Mrs Danvers) das gleiche Kleid trägt wie Rebecca zuvor - ihr Mann ist geschockt und sie glaubt, ihre Ehe sei endgültig gescheitert. Zudem bedrängt Mrs Danvers sie erneut und schildert ihr Leben als zweite Ehefrau als wertlos.
Ein Schiff in Seenot in der Bucht vor Manderley bringt die Wende im Roman - Taucher finden das Schiffswrack von Rebeccas Boot in der Bucht mit einer Leiche an Bord.
Der zweite Teil des Roman beschäftigt sich mit den Ermittlungen zum Tod von Rebecca. Nachdem ein Unfall ausgeschlossen ist, wird mehrfach untersucht, ob Rebecca sich selbst getötet hat - und Maxim de Winter steht natürlich unter Verdacht. In dem Moment als sich diese Probleme gelöst und auch die Beziehung der Eheleute sich ins Positive kehrt, steht Mandeley und damit auch ihre Zukunft in Flammen.

Das Faszinierende an dem Plot von Rebecca ist die Teilung des Romans: Es gibt zwei voneinander getrennte Spannungskurven, beide mit einer eigenen Atmosphäre. Im ersten Teil ist die Ich-Erzählerin ein verschüchtertes Wesen, überfordert mit der neuen Situation, die sich in einer sehr bedrohlichen Atmosphäre eines dramatisch beschriebenen Herrenhauses und steten Referenzen auf ihre Vorgängerin wiederfindet. Dabei bleibt unklar, wie Rebecca wirklich war, denn es ist überdeutlich, dass niemand, der der Ich-Erzählerin berichtet, ein realistisches Bild zeichnet, sie wird immer mehr zu einer Bedrohung und ist eine unerreichbare Konkurrenz in ihrer andauernden, übermächtigen Präsenz - sowohl in den Köpfen der Menschen als auch in dem Gemäuer Manderleys. Die Beziehung zu ihrem Mann ist dabei ohne tieferen Wert, er ist abwesend oder emotional und aufbrausend und ihr keinerlei Hilfe. Man möchte ihr nahezu zustimmen, wenn sie reflektiert, dass diese Ehe gescheitert ist.
Doch dann kommt der Umbruch, eigentlich ein Horrorszenario: Durch das Auffinden von Rebeccas Leiche auf dem Boot wird klar, dass die Umstände ihres Todes ganz anders waren, als ihre Mitmenschen ihr bislang geschildet haben - und ihr Mann gesteht ihr seinen Hass und den Mord an Rebecca! Der Effekt, den diese Enthüllung auf sie hat, ist überraschend und unerwartet und vielleicht auch ein unglaubwürdiger Moment in dem Roman. Statt zu flüchten, fängt sie nun endlich an, ihre eigene Rolle als Hausherrin und Ehefrau zu definieren und eine Beziehung zu ihrem Mann aufzubauen. Jetzt liegt der Fokus der Erzählung auf der Vertuschung des Mordes, trotz der neuen Beweise muss alles auf Selbstmord hinweisen. Rebecca scheint dem aus dem Grab heraus entgegen zu arbeiten, dennoch zieht Maxim de Winter schließlich den Kopf aus der Schlinge. Doch das Happy End bleibt dem Paar verwehrt, Manderley brennt ab - wenngleich unklar ist, ob Manderley nicht für immer ein letzter Ort von Rebeccas Präsenz geblieben wäre, und seine Zerstörung nicht unabdingbar war.

Rebecca ist vielleicht literarisch gesehen kein großer Roman, Hitchcock hingegen hat ihn nicht ohne Grund als Filmstoff ausgewählt. Er hat eine große atmosphärische Dichte, düstere Charaktere, die zwar nicht liebenswert, aber facettenreich sind. Einzig die Persönlichkeit der Ich-Erzählerin durchlebt eine unrealistische Entwicklung, die sich eher dem Plot unterordnet als dass sie in sich plausibel ist. Das mächtige Manderley hingegen hat fast die Bedeutung eines weiteren Charakters in dem Roman, eine Verkörperung von Rebecca und was sie Großes schaffen konnte, obwohl sich darunter eine selbstsüchtiges, rücksichtsloses Wesen verbarg.
Bei einer feministischeren Sicht auf das Buch ist augenscheinlich, dass beide Frauen äußerst einseitig und in klaren Gegensätzen von gut und böse, (dem Mann) angepasst und widerspenstig-egoistisch (selbstbewusst!) gezeichnet werden - was vielleicht bei dem Erscheinungsjahr 1938 nicht anders zu erwarten ist, aber dennoch bedauerlicherweise bedeutet, dass du Maurier als weibliche Schriftstellerin hier keine Lanze für die Frauen brach, sondern in konservativen Denkmustern verharrte.

Daphne du Maurier, Rebecca. Argonverlag 2007.

Tuesday, January 31, 2017

Patrick Ness - Die Flucht

Dieses Buch hätte ich niemals in die Hand genommen, wenn A Monster Calls von Patrick Ness mich nicht so begeistert und berührt hätte. Die Covergestaltung ist wenig ansprechend, der Titel nichtssagend, außerdem ist Science Fiction kein Genre, das ich öfter auswähle.
New World - Die Flucht ist der erste Band einer Jugendbuchreihe. New World, das ist ein ferner, aber erdenähnlicher Planet, auf dem Menschen sich in der Hoffnung auf ein neues friedvolles Leben angesiedelt haben. Doch leider hat sich die Hoffnung nicht erfüllt - ein Virus hat alle Männer befallen, jeder kann ihre Gedanken hören, der Lärm treibt viele an den Rand des Wahnsinns, nichts bleibt geheim, so meint man. Der 13jährige Todd wächst ohne Mutter auf, denn in seinem ganzen Heimatdorf Prentisstown gibt es keine Frauen mehr, auch daran ist der Virus schuld. Da er der letzte Junge seines Dorfes ist, der noch nicht 14 und damit erwachsen ist, verbringt er viel Zeit allein bzw. mit seinem Hund Manchee. Auch dessen (eher schlichte) Gedanken kann jeder hören, auch die der Eichhörnchen, Schafe oder Krokodile. Es ist eine lärmende Welt, in der sich Todd bewegt - als er eines Tages plötzlich auf eine Stille trifft. Ein Fleck des Schweigens, der ihn zutiefst beunruhigt - noch mehr, als er herausfindet, dass das Schweigen von einem Mädchen ausgeht!
Doch er hat nicht lange Zeit, sich von dieser Entdeckung zu erholen, denn natürlich kann er seine Entdeckung nicht verbergen, das Misstrauen der Männer von Prentisstown ist groß und sie wollen aus Todd herauskriegen, was genau er gesehen hat. Die Reaktion seiner zwei Ziehväter erschreckt ihn, denn sie schicken ihn mit einem gepackten Rucksack fort - er soll in den nächsten Ort fliehen, in dem seit Jahren niemand mehr war. Kurz nach seinem eiligen Aufbruch trifft er erneut auf das Mädchen, Viola, und als sie beide von Aaron, dem gewaltbereiten, wahnsinnigen Priester, bedroht werden, entscheidet er sich, ihr zu helfen.
Was dann folgt, ist eine lange und abenteuerliche Flucht, dessen Ziel Haven ist, dem Hauptort auf New World. Die Verfolger aus Prentisstown sind ihnen dicht auf den Versen und die Menschen, auf die sie treffen, sind misstrauisch den Fremden gegenüber. Nur sehr langsam entdecken Todd und Viola, dass alles, was Todd bisher über sein Heimatdorf zu wissen glaubte, nicht die Wahrheit ist und es beginnt ein schwerer Prozess und ein Kampf um gegenseitiges Vertrauen und die eigene Identität.

Ness wählt für seinen Roman die Perspektive eines Ich-Erzählers. Diese jedoch trotzdem etwas distanziert, denn der für diese Perspektive typische Stream-of-Consciousness, der ja dem Gedankenlärm entsprechen müsste, ist deutlich gebremst, man erfährt eben nicht alles direkt, sondern es wirkt eher wie ein Er-Erzähler. Trotzdem werden die inneren Konflikte Todds deutlich, von einem naiven und etwas quengeligen Teenager entwickelt er sich in raschem Tempo zu einer reflektierenden, sich und andere hinterfragenden Persönlichkeit. Seine Entwicklung entsteht aus der Beziehung zu Viola, die ihn durch ihre Gedankenstille dazu zwingt, nachzudenken, Menschen wirklich wahrzunehmen und ihre Bedürfnisse zu erkennen. Ein weiterer, unerwartet starker Charakter ist der zunächst als schlicht gezeichnete Hund Manchee, der aber durch seine bedingungslose Freundschaft und Freundlichkeit auch zur Messlatte für Todds eigenes Verhalten wird. 
Vielleicht könnte man argumentieren, dass die Flucht auch auf 100-150 Seiten weniger gut hätte dargestellt werden können, doch das Erzähltempo ist dennoch zügig, Langeweile kommt nicht auf und die Charaktere und ihre Beziehung entwickeln sich kontinuierlich. Der Band endet mit einem fürchterlichen Cliffhanger, mehr sei nicht gesagt - das Lesen des zweiten Bandes ist im Grunde unvermeidlich. 
Patrick Ness hat mit New World ein interessantes Setting geschaffen, das viele grundlegende und philosophische Fragen über das Menschsein und die eigene Identität stellt.

Patrick Ness, New World - Die Flucht. Ravensburger 2009. 



Tuesday, January 24, 2017

Lars Kepler - Ich jage dich


Joona Linna hat einiges durchgemacht, als er heruntergekommen und mit Schmerzen wieder in Stockholm auftaucht. Sein Stelle bei der Landeskriminalpolizei ist inzwischen mit der hochschwangeren Margot besetzt und sie ermittelt in einer schlimmen Mordserie. Der Täter scheint seine weiblichen Opfer zunächst zu verfolgen und zu beobachten, lädt dann einen Film darüber hoch, um erst danach in das Haus der Opfers einzudringen und mit zahlreichen Messerstichen zu töten. Dabei hinterlässt er scheinbar Hinweise durch die Inszenierung der Opfer und und bewusste Positionierung von symbolischen Gegenständen.
Erste Hinweise ergeben einen Zusammenhang mit einem früheren Straftäter, der mehr über den Täter wissen könnte, aber durch seine Heroinabhängigkeit und einen Unfall nur ein sehr unzuverlässiger Zeuge ist, weil seine Erinnerungen trügerisch sind. Daher wird der Psychologe Erik Maria Bark, bekannt aus Der Hypnotiseur, Band 1 der Reihe, hinzugezogen, um unter Hypnose mehr aus ihm herauszubekommen. Doch die Ereignisse überschlagen sich - Erik muss feststellen, dass er alle bisherigen Opfer kannte - eine Tatsache, die ihn plötzlich zu einem Verdächtigen macht. Er muss fliehen... Gleichzeitig wird der Heroinabhängige rückfällig, verhaftet und weggesperrt - wie soll er jetzt noch helfen können, den wahren Täter zu finden? Joona, dem Margot mehr Einblick in die Ermittlung gewährt, als zu erwarten war, will den Fall aufzuklären, den Täter finden und Erik entlasten - und muss daher einige krasse Entscheidungen treffen...
Auch der fünfte Fall von Lars Kepler besticht durch einige überraschende und komplexe Plotwendungen, wenngleich die Protagonisten mir in diesem Band weniger gefallen haben. Joona bleibt ein Fremder, seine Erlebnisse haben ihn verändert, aber der Leser war nicht dabei und muss nun sehen, wie er mit dieser skrupelloseren Version zurechtkommt, während Margot als neue Ermittlerin in ihrer Eifrigkeit trotz Schwangerschaft etwas überzogen wirkt. Glaubwürdiger wird der Thriller dadurch nicht, wenngleich seine Vielschichtigkeit, die verschiedenen Perspektiven und das rasante Tempo Pluspunkte der Reihe bleiben.
(Außerdem mochte ich Erik Maria Bark schon im ersten Band nicht...)


Lars Kepler, Ich jage dich. Lübbe Audio 2015.

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